Ghana Geschichten 2

„Vom Alltagsleben und der Rolle von Religion“

von Kerstin Sailer


16. Juli 2002

Ich bin in Kumasi auf dem Universitäts-Campus untergebracht. Der Campus selbst ist riesig groß und weitläufig und liegt am östlichen Stadtrand von Kumasi, etwa 10 Kilometer vom Zentrum entfernt. Er beherbergt nicht nur die Fakultäten und Hörsäle, die Bücherei, ein kleines Einkaufszentrum und so weiter, sondern auch dutzende von Wohnheimen, dezente und charmante Beton-Plattenbauten, die einzigen mehr als 4-stöckigen Gebäude, die ich bisher in Kumasi orten konnte. Fast alle der 10.000 StudentInnen der „Kwame Nkrumah University of Science and Technology“ (KNUST) wohnen auf dem Campus. Also Wohnheimplätze für 10.000 Menschen….

Ich residiere in der Africa Hall, ein Frauen-Wohnheim, dritter Stock, rechter Flügel des Gebäudes, in einem Dreibettzimmer, das derzeit von drei ghanaischen StudentInnen und mir bewohnt wird. Um mir Platz zu machen, schlafen also nun vorübergehend zwei von ihnen in einem Bett. Mitte Juli, wenn die Examenszeit und damit das Semester vorbei ist werden die meisten den Campus verlassen und ihre Semesterferien sonst wo verbringen und dann werde ich wohl aus den derzeit doch sehr beengten Verhältnissen in eine andere Unterkunft ziehen. Ob das wirklich passieren wird, steht zunehmend in den Sternen, je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher wird der Umzug, weil sich schon so manche Ankündigung in Luftblasen verwandelt, wenn es denn mal soweit wäre, aber abwarten! Vielleicht hat dann das Teilen der Klo- und Baderäume (2 Klos, 3 Duschen) mit geschätzten 60 Studentinnen ein Ende, vielleicht hat dann auch die allnächtliche Unruhe ein Ende, vielleicht hat dann auch der ewige Platzmangel ein Ende (10 qm zu viert ist nicht wirklich viel!!) und vielleicht hat dann auch das Schlafen mit Licht ein Ende. Warum alle Ghanaer, die ich bisher näher kennen gelernt habe, unbedingt mit angeknipstem Licht schlafen müssen, ist mir schleierhaft geblieben, noch dazu hängt in unserem Zimmer eine grelle Halogenröhre wohlgemerkt, nicht irgendein nettes dimmbares oder mattes Licht. Selbst wenn ich nicht morgens um 7 Uhr aufstehen müsste für die Arbeit, wäre es ein Ding der Unmöglichkeit auszuschlafen, dieser Luxus wird stets durch irgendetwas vereitelt. Während man abends noch sehr idyllisch mit Grillengezirpe einschlafen kann, ist früh morgens gleichzeitig mit dem fröhlichem Kikeriki (wo auch immer diese Hühner herkommen mögen, ständig habe ich hier Gegacker und Gekrähe im Ohr in der Früh) Schluss mit Ruhe, also so zwischen 5 und 6 Uhr (je nach Hahn….). Als ob das ein Signal wäre, erwacht der ganze Laden und ist erfüllt mit Leben, mit Verkäuferinnen von Brot und Eiern, die in Twi ihre Waren anpreisen (weshalb ich noch nie etwas dort gekauft habe, weil ich sonst bei jedem Laut vor die Tür gucken müsste, was es wohl diesmal sein könnte), kleine Jungs rennen durch die Laubengänge, „small boy“ rufend, um sich und ihre Dienste als Botengänger, Tellerwäscher oder sonstiges anzukündigen. Beantwortet werden diese Rufe stets von Studentinnen, die ihre Zimmernummern rufen, damit die small boys oder Verkäuferinnen dann dorthin kommen. Oder frau überprüft durch Rufen der Zimmernummer, ob diejenigen, die mensch sprechen möchte, beispielsweise im gegenüberliegenden Trakt zu Hause sind, bevor mensch rüberläuft.
Während ich es meist geschafft habe, die Hähne und die Gesprächsfetzen in Twi zu ignorieren, weil es einfach so fremdartig klingt für meine westlichen und städtischen Ohren, ist es spätestens mit den „small boys“ und den „two zero one“, „three nine“ usw.-Rufen vorbei mit der Ruhe.

Letzten Samstag fing um kurz nach 5 Uhr jemand lautstark und leidenschaftlich auf dem Vorplatz der „africa hall“ zu predigen an, von Sünden und dem Fegefeuer, dem Weg zu Gott und dem christlichen Leben. Kurz nach ihm kam eine singende, trommelnde und befehle-gröhlende Gruppe von Kadetten auf ihrem Weg zu einem Ausdauermarsch vorbei, die ihre Mitglieder (beider Geschlechter) aus den jeweiligen Wohnheimen aus dem Bett trommelten, ein wenig auf dem Platz rumhüpften und (sich zu) Hampelmänner(n) und Hampelfrauen machten, um dann geschlossen weiter zu ziehen. Dass danach das komplette Wohnheim wach gewesen sein musste und ebenso aus dem Bett gepredigt und getrommelt, scheint hier niemand absonderlich zu finden.
Sonntags dagegen beginnt der Ruf zur Kirche um kurz nach 6. Ein Gospelchor sang sich schon mal warm und kündigte damit den Gottesdienst von 7:00 – 10:00 Uhr an, das alles in einer Lautstärke, die selbst in den Zimmern noch ein normales Gespräch locker übertönt hätte (fairerweise muss mensch dazu sagen, dass kaum ein Gebäude geschlossene oder schalldichte Fenster hat, stattdessen sind alle Fenster aus klimatischen Gründen mit schrägstehenden Glas-Lamellen gebaut, die natürlich auch jedes Geräusch durchdringen lassen).
Langer Schlaf ist hier einfach nicht vorgesehen. Und ich leide ein bisschen. Dagegen ist ja sogar die Christuskirche am Hannoveraner Klagesmarkt, die 1.-Mai-Feierlichkeiten, die eine oder andere Demo am Klagesmarkt oder das Samstagsmarkt-Geschrei, all das, was sonst so meine morgendliche Geräuschkulisse am Wochenende formt, echt harmlos.
Mittlerweile sind die zweiwöchigen Examenszeiten vorbei und mir wurde erzählt, dass faktisch alle StudentInnen den Campus verlassen würden über die Semesterferien. Ob sich mein lärmiges, aber doch charmantes Wohnheim voller Leben dann in eine Geisterstadt verwandeln wird, bleibt abzuwarten.

Ähnlich schwer wie die Gewöhnung an das Wohnheim fällt es mir, mich an die lokale Sprache zu gewöhnen, es ist alleine schon ein kleines Kunststück, wenn mir der Name der Sprache hier fehlerfrei und leicht über die Lippen kommt, so einfach ist das nicht. Twi hört sich an wie eine Mischung aus „Dschi“ und dem tschechischen „tri“ (wobei das r gerollt und gleichzeitig ge-sch-t werden muss). Als noch schwieriger erweist es sich, einzelne Worte oder Ausdrücke aufzuschnappen und zu lernen, diese Vokale, nasal, guttural, wie-auch-immer-al existieren einfach nicht in meinem Hirn und mein Verstand weigert sich beharrlich deren Existenz anzuerkennen oder sie nachzuahmen. Vielleicht wäre es am einfachsten, mal beim Fufu-Essen sprechen zu üben, für meine Ohren klingt Twi sehr schwammig, eben so als hätte mensch Essen im Mund…
Immerhin weiß ich, dass wenn immer das Wort „obroni“ fällt, die Leute mit großer Wahrscheinlichkeit über mich sprechen, weil ja nicht so viele Weiße unterwegs sind. Ich kann danke sagen („medasi“), was vor allem die Marktfrauen und die Verkäuferinnen der Garküchen am Straßenrand immer sehr erfreut und ich übe mich gerade darin, endlich zu verstehen was „wie geht es dir?“ heißt. Es klingt so ähnlich wie „antesain“ oder „onteseyn“ oder so, aber die Antwort kann ich schon: „eye“ heißt „gut, alles klar“, das hilft aber wenig, wenn mensch die Frage nicht versteht. Alles in allem sehr mühsam, aber das Lächeln der Ghanaer, wenn mensch mal was in Twi gesagt hat (und sie mich verstanden haben…), macht alle Mühen locker wett. Und langsam zeichnen sich auch erste Spracherfolge ab. Wichtig ist zum Beispiel „dabi“ (nein) oder „ko“ (geh weg), wenn mensch mal wieder nervigen und aufdringlichen Verkäufern von irgendwelchem Tand ausgesetzt ist, die sich beharrlich weigern, ein höfliches, englisches „No, thank you“ zu akzeptieren. „Min pewusem“ (ich mag das nicht) könnte auch helfen, allerdings ist da ein wenig Übung erforderlich, weil das Gegenteil, also „ich mag es“ „mi pewusem“ heißt und diesen marginalen Unterschied sollte mensch dann schon korrekt und eindeutig aussprechen, wenn es die gewünschte Wirkung zeigen soll. Ebenfalls hilfreich ist der Ausdruck „min warry o bibini“ (ich heirate keinen Schwarzen) oder vielleicht „min pewu“ (ich liebe dich nicht), um die vielen Heiratsanträge abzuwehren, die einer hier so begegnen, wobei Ghanaer beim Versuch sich in Twi auszudrücken oft in Verzückung geraten und dann erst recht heiraten wollen. Aber ich werde dem sicher widerstehen können.

Religion ist in Ghana ein ganz ernstes Thema, so viele tief und innig gläubige Menschen, wie hier habe ich noch nie irgendwo erlebt. Gerade auch bei den jungen Leuten ist Religion ein wichtiges Element des täglichen Lebens. 85 % der Ghanaer sind Christen, die restlichen 15 % sind Moslems (vor allem im Norden des Landes) und Menschen, die Ahnenkult und Naturreligionen anhängen. Und viele sind beinahe fundamentalisisch, was Religion und Religiösität angeht. Das beginnt ganz trivial beim obligatorischen Gebet vor jeder Mahlzeit (dadurch verrät mensch sich und seine lockere, sakuläre Einstellung zur Welt als erstes, durch das fehlende „Innehalten“ und Gott für Speisen danken….), das geht weiter mit Kirchenmusik und christlichen Liedern, die hier sehr populär sind und hört bei den „i love Jesus“-Aufklebern, den im Wohnheim überall hängenden Bibelzitaten und Bildern mit christlichen Motiven noch längst nicht auf. Manche Trucker haben hier ihre Lastwagen mit Bibelzitaten und frommen Wünschen verziert statt mit obszönen oder billigen Anmach-Sprüchen. Die einzigen Buchläden, die ich hier bisher in Kumasi auftun konnte, verkaufen außer Schul- und Lehrbüchern jeder Art meist nur Bibeln, christliche Lebenshilfen und Interpretationen des Wort Gottes. Vielleicht auch mal nen Kitsch- oder Schundroman.

Wohnheimzimmer-Dekoration

Wohnheimzimmer-Dekoration

Dass es Menschen geben könnte, denen der Glauben und die Religion nicht so wichtig sind, ist in Ghana unfassbar. Eine kroatische IAESTE-Praktikantin hat den Fehler gemacht, allen bei der obligatorischen Frage nach ihrer Religion zu sagen, sie sei Atheistin und würde an gar nichts glauben. Das löst hier mittlere bis schwere gesellschaftliche Erdbeben aus. Unverständiges Kopfschütteln und die Aufforderung mensch müsse doch aber glauben und zu Gott zurückfinden, sind eher noch die harmloseren Reaktionen. Eine andere deutsche Praktikantin wird seit ihrer Ankunft vor 8 Wochen bisher jeden Sonntag in den drei- bis vierstündigen Gottesdienst genötigt, ihre Gastfamilie würde es nicht zulassen, dass unter deren Dach jemand schläft, der oder die nicht in die Kirche geht.Leider hab ich es verpasst, mich in Accra mit genug Literatur einzudecken, in der Annahme, dass es ja auch in der zweitgrößten Stadt des Landes Literatur geben müsste, zumal ich ja gerne was von ghanaischen AutorInnen lesen würde. Aber mir scheint, dass dem nicht so ist. Lesen als anspruchsvolle Unterhaltung ist wohl wieder so ein westliches Bedürfnis. Oder die vielen vernünftigen Buchläden haben sich bisher nur versteckt…, und ich finde sie irgendwann. Hoffnung ist Opium fürs Volk!

Und auf der anderen Seite sind hier die Gottesdienste auch in keiner Weise mit denen in Deutschland zu vergleichen und das nicht nur wegen ihrer langen Dauer. Der Gottesdienst am letzten Sonntag in meinem Wohnheim hätte vom akustischen Eindruck her (ich habe es absolut nicht geschafft, mich aus dem Bett zu schälen um diese Uhrzeit, habe also lediglich gelauscht, miterleben will ich das aber schon noch einmal) auch genauso gut ein Popkonzert sein können. Da wurde geklatscht, gesungen und gelacht, da wurde „hallelujah, hallulujah“ gerufen und skandiert, da gab es Sprechchöre „hal-le-lu-jah“, „hal-le-lu-jah“, da wurde jubiliert und gefeiert. Und vielleicht macht es das unter anderem so attraktiv für die Menschen hier. Sie scheinen jedenfalls alle sehr erfüllt und glücklich mit ihrem Glauben und ihrem „way of life“.

Während hier also genau überlegt werden sollte, mit wem mensch so vertraulich wird und über Glauben oder Nichtglauben ernsthaft diskutieren möchte (und die Konsequenzen aushalten und ertragen kann…), während genauso sorgfältig abgewägt werden muss, wem mensch erzählt, dass mensch mit Mitte Zwanzig weder verheiratet noch verlobt ist und auch noch keine konkreten Kinderpläne hat (ja, ja, da ist manche Rechtfertigung und Erklärung vonnöten), währenddessen ist auch Vorsicht mit allzu „freizügigen“ Themen angesagt. Mensch könnte über ein Tabu stolpern, ohne zu wissen, wie schlimm das wirklich ist. So wie mir das passiert ist. Und das ist nicht allzu nachahmenswert, wenn mensch dieses Thema jemals wieder loswerden will.

Ich war gerade erst einige Tage in Ghana angekommen, hatte mich ganz gut akklimatisiert und war voller Neugier alles über dieses Land herauszufinden, wie die Menschen diskutieren, wie sie argumentieren, wie sie denken, was sie sagen, wie sie ticken. Ich war zudem in einer netten Umgebung, bei Freunden privat zuhause, alles junge, aufgeschlossene, politisch interessierte und diskussionsfreudige Leute.

Zu einem der Fernsehmoderatoren wurde mir erzählt, dass er wohl nicht mehr lange im Programm sei, weil gemunkelt würde, dass er schwul sei (der Betroffene hatte das nicht abgestritten) und das wäre ja absolut inakzeptabel, vor allem da er eine Kindersendung moderieren würde. Und da türmte sich auch schon das Fettnäpfchen riesig groß vor mir auf, aber ich war wohl noch zu sehr im westlichen Lebensrhythmus gefangen, als dass ich die Signale hätte richtig deuten und die Ghanaer richtig einschätzen können.

Ganz unbefangen argumentierte ich also, dass doch jeder Mensch selbst entscheiden können sollte, wen er oder sie lieben möchte und dass es ja wohl ein Unding ist, deswegen Leute zu feuern, ob nun Wahrheit in diesem Gerücht über den armen Moderator steckt oder nicht. Damit gehörten die nächsten zwei bis drei Stunden Diskussion absolut mir, meine Freunde konnten gar nicht wieder aufhören, sich darüber in vielfältiger Weise zu ereifern, wie abartig, wie unnormal und unnatürlich, wie widersinnig und eklig das doch wäre, wenn ein Mann einen anderen Mann, iiiihhhh, nicht auszudenken. (Frauen/Lesben kamen in ihren Gedanken interessanterweise kaum vor, vielleicht weil sie selbst alle männlich waren….).

Die Diskussion kulminierte schließlich in Argumentationsketten wie der, dass Schwule sich an der weiblichen „Normalbevölkerung“ versündigen würden, weil sie sich der normalen, gottgewollten und reproduzierfähigen Partnerschaft entziehen würden, also sozusagen nicht zur Verfügung für eine Partnerwahl ständen. Zwei Tage später, ich residierte immer noch bei meinen Freunden in Accra und suchte die Diskussion über Schwule, die immer wieder aufflammen wollte, zu meiden, als im Fernsehprogramm von Ghana TV eine Nachrichtensendung von „Deutsche Welle TV“ ausgestrahlt wurde, mit einem langen Beitrag über Gay-Pride-Paraden in ganz Europa. Da staunten meine ghanaischen Freunde aber Bauklötze über Tausende und Millionen von Menschen auf den Strassen, die ihre Andersartigkeit offen und freudig zelebrierten. Die gleiche Verwunderung rief die Geschichte der Wahl von Wowereit zum regierenden Bürgermeister von Berlin hervor, die ich dann noch zum Besten gab. Es wollte niemand glauben, wie man(n) mit dem Statement „ich bin schwul und das ist gut so“ Wahlen gewinnen könne (oder zumindest wie es möglich sei, dass man die Wahlen damit nicht sofort verloren hätte….).

Inzwischen entscheide ich situationsabhängig und personenbezogen, welche Diskussionen ich führen und vor allem mir zumuten möchte und wann ich welche Meinung für mich behalte, nicht ohne ein leichtes Grinsen auf den Lippen, wie groß doch die Unterschiede zwischen Deutschland und Ghana manchmal sein können.


Weiterlesen bei Teil 3

 

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