Ghana Geschichten 5

„Die Reise in den Norden und andere touristische Erfahrungen“

von Kerstin Sailer


23. September 2002

Lange, lange ist es her, dass die letzten Geschichten aus Ghana ins Land und von meinem Hirn durch den Computer und einige Tausend Kilometer Kabel nach Deutschland gingen. Das liegt nun nicht daran, dass ich plötzlich schreibfaul geworden wäre, oder es nichts mehr zu erzählen oder erleben gäbe (ganz im Gegenteil), sondern dass ich in den wundervollen Genuss des Besuches meines Liebsten gekommen bin. Dreieinhalb schöne und aufregende Wochen lang habe ich also mit Christian gemeinsam in Ghana verbracht, vieles neu entdeckt und altbekanntes neu erlebt, durch die Augen und die Perspektive des frisch aus Deutschland importierten Obroni. Da blieb nicht viel Zeit für das Abhängen in virtuellen Räumen.

Während wir in der ersten Woche in Kumasi blieben und ich brav in der Arbeit blieb, konnte ich meinen Chef davon überzeugen, dass er nichts davon hätte, wenn Christian alleine durch Ghana reiste und eine arme, liebeskummer- und sehnsuchtsgeplagte Praktikantin missmutig und widerwillig bei ihm im Büro säße und Dienst nach Vorschrift verrichtete. Es sollte in den Norden Ghanas gehen, in die afrikanische Wildnis, die ‚Terra Incognita‘ (wie meine Reiseführer nicht zu unrecht behauptet), zu den islamischen Moscheen, in die Grassavanne, zu den Rundhütten und den besten Yams des Landes.

Als Ausgleich habe ich versprochen, eine Woche länger als geplant bei ihm im Büro zu arbeiten. Zum einen hatte ich ohnehin nach Ablauf des Praktikums gute 10 Tage fürs Rumreisen eingeplant und zum anderen bin ich ja auch pflichtbewusste Deutsche, die nicht immer aus ihrer Haut kann, auch wenn sie das gerne öfter mal wollte.

Erst in der dritten Woche war ich frech und mutig genug über meinen Schatten zu springen und meinem Chef zu eröffnen, dass er – leider, leider – noch eine weitere Woche der Entbehrung hinnehmen und mich gemeinsam mit Christian nach Cape Coast und in den Süden fahren lassen müsse. Und weil Frechheit siegt, zogen wir also zuletzt los gen Süden, an die Küste, an die traumhaften kokospalmengesäumten Strände, zu den Sklavenburgen und ins metropolitane Accra, von wo aus Christian am 10. September nachts wieder Richtung Deutschland startete (und bei der Landung an diversen Flughäfen am 11. September bestimmt einigem Sicherheits- und Gedenkterror ausgesetzt war…).

Die Reise in den Norden

Von Kumasi aus, das ja nun bereits 280 Kilometer nordwestlich von Accra im Landesinneren liegt, hat uns das ehemals staatliche, privatisierte Busunternehmen Vanef-STC mit kaum zu glaubender Pünktlichkeit und Effizienz sicher und schnell nach Tamale transportiert. Kaum zu glauben deshalb, weil zwar alle GhanaerInnen total auf den STC schwören und ständig von dessen Schnelligkeit, Sicherheit und Komfort schwärmen, ich allerdings etwas vom Pech geplagt eher unangenehme Erfahrungen mit dem STC, zumindest auf der Strecke Kumasi-Accra machen musste. Die Verheißung, in 4-5 Stunden Kumasi-Accra zu bewältigen ist nur bei meiner allerersten STC-Fahrt in Erfüllung gegangen, jede weitere Fahrt dauerte immer noch eine Stunde länger, bis hin zu unerträglichen 9 Stunden für schlappe 280 Kilometer. Geplatzte Reifen, verspätete Abfahrten, unendliche Staus haben die 4-5 Stundenmarke noch fast jedes Mal vereitelt. Aber positive Überraschungen wie die nach Tamale nimmt mensch natürlich gerne hin. Der erste Pluspunkt für den STC im Rennen um unsere Gunst. Weitere sollten folgen.

Wir waren keine zwei Minuten in Tamale angekommen, als wir bereits die Nervensägen um uns geschart hatten, die uns für den Rest unseres Aufenthalts in Tamale nicht mehr in Ruhe lassen sollten. Was genau Rauf und seine Schuhputzergang von uns wollten, hat sich uns leider nicht erschlossen, nicht einmal nach mehreren Tagen intensiven Nachforschens. Und sie wichen nicht von unserer Seite, folgten uns auf Schritt und Tritt, nervten mit Informationen, die wir gar nicht wissen wollten, fragten uns dies und das und ließen uns kaum eine Sekunde unbeobachtet. Unser Hotel wurde so zur Oase der Ruhe für uns, sobald wir nämlich einen Fuß vor das Hotel setzten, waren sie sofort zur Stelle, wussten auch alle, dass Rauf unser Freund ist und binnen weniger Minuten war auch er selbst da. Ein perfekt organisiertes Informationsnetzwerk. Lediglich als wir auf dem Rückweg nach Kumasi den notwendigen Zwischenstopp in Tamale einlegten und in einem anderen Hotel Quartier bezogen als beim ersten Mal, benötigte Rauf etwa 12 Stunden, um uns auszumachen.

Es war schon ungewöhnlich, wie sehr sich diese Jugendlichen an unsere Fersen hefteten. Dass uns Kids manchmal hinterherliefen, hielten wir bereits für normal, weswegen wir über Raufs Erscheinen zunächst nicht sonderlich überrascht waren. Er und sein Freund geleiteten uns zum Hotel unserer Wahl. Als allerdings nur Christian von der Zimmerbesichtigung wieder zum Check-in erschien, waren sie bereits zutiefst enttäuscht. Sie wollten mir doch unbedingt einige Worte der lokalen Sprache Dagbani aufschreiben. Christian vertröstete sie und sie besorgten sich das scheinbar nötige Trostpflaster auch selbst, indem sie Christian die Geschichte von dem langen Weg zurück in die Stadt auftischten, wofür sie jetzt Geld benötigten. Wir waren etwa eine Viertelstunde gelaufen und es kann mir niemand weismachen, dass diese Naseweise wirklich mit dem Taxi zurückgefahren sind, aber Christian war nicht nur müde, sondern auch des Diskutierens um Centbeträge müde und gab ihnen, wonach sie verlangten. Damit dachten wir, sei die Angelegenheit erledigt. Doch dem war nicht so. Wir stolperten über Rauf und seine Gefolgschaft bereits am Nachmittag wieder, als wir nach einem kurzen Mittagsschlaf eine erste Runde durch die Stadt drehen wollten. Es wäre auch ehrlich gesagt schwierig gewesen, uns in einer Stadt, deren Zentrum um die Grosse Moschee herum nicht sonderlich weitläufig ist, zu verpassen. Da waren wir aber bereits in der Obhut des nächsten Ghanaers. Abdul war einer der netten „Hello, how are you?“-GhanaerInnen, die einer immer mal wieder auf der Strasse begegnen. Sie fragen nach Namen, Wohlbefinden, dem Hintergrund des Aufenthalts in Ghana, sie zeigen einem die Stadt, den nächsten Rest Spot oder die beste Chopbar, mensch unterhält sich ein wenig über Gott und die Welt, über die gastfreundlichen Ghanaer und die rigide Einwanderungspraxis und Abschottungspolitik der EU, um sich dann fröhlich und höflich wieder voneinander zu verabschieden.

Mit Adul und seinen ebenso fußballbegeisterten Freunden Kamal und Mahafuzu, die mehr deutsche Fußballer aufzählen und den richtigen Vereinen zuordnen konnten, als wir, entwickelte sich eine nette Beziehung. Wir besuchten sie zu Hause, versuchten einige Worte auf Dagbani mit Eltern, Grosseltern, Tanten, Cousins und sonstigen Verwandten zu wechseln, unternahmen kleine Touren durch deren Wohngegenden, schossen Erinnerungsfoto um Erinnerungsfoto, diskutierten über Chancengleichheit, Gerechtigkeit, über kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede, beobachteten Abduls Ersatzmutter beim Stoffweben (seine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben), suchten selbst Farben für den eigenen Webstoff aus, den ich mir machen lassen wollte und zogen durch Tamale. Die Interaktion mit unseren ghanaischen FreundInnen machte unseren Aufenthalt in Tamale zu einem echten Erlebnis. Denn eigentlich gibt es in Tamale sonst nicht viel zu sehen. Eine ghanaische Stadt eben, mit den üblichen Chopbars, dem obligatorischen Strassenleben, der etwas chaotischen und ungeordneten Stadtstruktur. Und doch ist manches anders. Ich weiß gar nicht mehr ganz genau, woran ich das festmachen würde, aber die Atmosphäre strahlte selbst für mich nach wochenlangem Ghana-Aufenthalt etwas aufregend Neues aus. Der Norden scheint afrikanischer und echter, weniger den Einflüssen der industrialisierten Welt ausgesetzt.

Die Luft ist trockener trotz Regenzeit, es ist heißer, die Vegetation ist wesentlich niedriger und es gibt mehr rote Staubpisten, auch direkt in der Stadtmitte. Die Moschee beherrscht das Stadtbild mit ihren hoch hinauf ragenden vier Minaretten. Andere Lebensmittel liegen zum Verkauf aus, es gibt kaum noch Fisch zu essen, die Chopbars bieten andere Gerichte an und selbst Yams schmecken anders, weniger kartoffelig und mehr nach Maroni. Und die Menschen sind natürlich anders als im Süden. Die Männer tragen traditionell keine toga-artigen Gewänder mehr, sondern Kaftans, lange bunte Hemden bis zu den Knien mit Hosen darunter, oft auch gehäkelte Wollkäppchen auf dem Kopf. Die Frauen tragen mehr Kopftücher, allerdings würde es einer Ghanaerin nicht im Traum einfallen, sich von Kopf bis Fuß in irgendwelche Kutten zu hüllen, nur weil das Männern in anderen islamisch dominierten Regionen der Welt so vorschwebt. Die Tücher um den Kopf sind kunstvoll gewickelt und eher modisches Accessoire statt Kleiderkodex. Und selbstverständlich kann frau dazu ein T-Shirt mit Spaghettiträgern kombinieren oder einen Rock mit Schlitzen bis übers Knie tragen. Sehr sympathisch, wie ich finde!

Die ghanaischen Moslems sehen wohl auch insgesamt ihre Religion eher locker, eine angenehme Abwechslung, wenn mensch aus dem christlichen Süden des Landes kommt, wo sich einer durchaus mal ein fundamentalistischer Religionseindruck aufdrängen kann. Diese relaxte Einstellung zum Islam findet aber nicht überall Zustimmung. Zumindest lag bei unseren Freunden in Accra, von denen auch einige Moslems sind, eine Broschüre zur Koraninterpretation und zum „richtigen“, islamischen Leben rum, die mit den mahnenden Worten beginnt, dass einige moslemische GhanaerInnen das mit ihrer Religion nicht so ganz verstehen würden und sie nicht ernst genug nähmen, weswegen die Broschüre also Aufklärungs- und Erziehungsarbeit leisten will. Ich finde das wiederum sympathisch mit Religion so entspannt umzugehen, wie das in der Northern Region den Anschein hatte.

Fahrräder bestimmen das Stadtbild von Tamale, es gibt sogar richtige Fahrradwege! Im Gegensatz zum Süden, wo kaum Rad gefahren wird, weil die Menschen das als zu ärmlich ansehen und dann lieber gleich ein Auto besitzen wollen, wenn schon Besitz aus Metall, sei es auch noch so ein Schrottkübel, sind Fahrräder im Norden beliebte und praktische Fortbewegungsmittel. Es sind bemerkenswerterweise fast ausschließlich Damenräder unterwegs, weil die typische Herrenkleidung mit Hemden bis zu den Waden das wohl erfordert. Mensch merkt sehr schnell, dass der Norden Ghanas weniger entwickelt und ärmer als der Süden ist, mit allen Vor- und Nachteilen: die Menschen sind natürlicher geblieben und noch netter, dafür kämpfen viele ums nackte Überleben, die Infrastruktur hört faktisch in Tamale auf und mensch möchte manchmal fast weinen, alleine vom Hingucken und Mitleiden. Europa ist meilenweit entfernt und das nicht nur geographisch.

Nach zwei Tagen Tamale wollten wir uns schließlich weiter in die Upper West Region wagen und auf dem Weg nach Wa, der Regionalhauptstadt, noch Station in Larabanga machen, ein kleines Dörfchen, das die älteste Moschee Ghanas beherbergt.

Leider begann die Abreise von Tamale nicht wirklich so, wie wir uns das so schön vorgestellt hatten. Ich war der festen Überzeugung, dass wir einfach zur Trotro-Station gehen und in den nächsten Wagen Richtung Larabanga steigen könnten, schließlich fahren Trotros kreuz und quer in allen nur erdenklichen Größen, Zuständen und Fabrikaten durchs ganze Land. Die Idee, meine Ghana-Erfahrungen aus dem Süden eins zu eins auf den Norden zu übertragen, erwies sich als gemeine Fehleinschätzung: nach Larabanga traut sich genau ein Busunternehmen einigermaßen zuverlässig, was übrigens immer noch nicht sonderlich zuverlässig ist. Aber immerhin bietet die OSA einen Ticketvorverkauf und zwei Busse am Tag an, einen früh um 6 Uhr und den zweiten nachmittags um 15 Uhr. Wenn wir das also gewusst hätten beziehungsweise wir uns am Vortag darum gekümmert hätten, wären wir wahrscheinlich ziemlich deutsch und effizient weitergereist, wohl mit ein bißchen üblicher Verspätung – ghanaian time eben – aber doch vergleichsweise wie am Schnürchen.

Aber das wusste ich mit meiner „ich-weiss-schon-wie-Ghana-funktioniert“-Arroganz zu vereiteln, Christian wollte sich nämlich noch erkundigen gehen im Vorfeld und ich hab ihm das ausgeredet und als nicht notwendig abgetan. Wir waren zwar durchaus früh am Busterminal, aber dann doch nicht so früh, es war vielleicht kurz nach halb neun. Den halben Tag musste ich daraufhin mit ein wenig Geläster leben, ich wäre selbst schon Ghanaerin geworden, die die typisch ghanaische Vereitelungsstrategie schon ganz gut drauf hätte. (GhanaerInnen haben nämlich so eine Eigenart, ganz subtil und ungewollt, aber doch recht erfolgreich im Endeffekt gut durchorganisierte Pläne zu vereiteln. Das geschieht meist so ganz nebenbei, mensch merkt es kaum und ehe es Abend wird, hat mensch nichts von dem geschafft, was angestanden wäre oder mensch gerne gemacht hätte. „Ghanaische Vereitelungsstrategien“ haben Eva und ich das im Scherz immer genannt, wenn wir zum Beispiel gemeinsam in Accra waren und dachten, wir könnten an einem Tag Bücher kaufen, ins Internetcafe und danach an den Strand gehen. Unsere ghanaischen Freunde wussten das meist zu vereiteln, mit einem gut gemeinten und freundlichen „wartet doch noch ein bisschen, dann bring ich euch“ oder dergleichen und schwuppdiwupp waren all unsere schönen Pläne vereitelt. Nie aktiv verhindert, nur subtil vereitelt.)

Der Busbahnhof in Tamale ist echt ein beschissener Ort, vielleicht liegt das aber auch daran, dass wir dort einfach zu viel Zeit verbringen mussten. Wir versuchten unser Glück zunächst noch mit einem Trotro, zu dem uns unsere kleinen ghanaischen Nervensägen brachten und das uns auch Tickets verkaufte, aber es ging einfach nichts vorwärts. Nach anderthalb Stunden Warten erfuhren wir endlich (und das auch nur auf beharrliche Nachfrage, nicht etwa einfach so…) dass unser Trotro zwar schon da wäre, aber leider nicht fahrtüchtig, es sei der Wagen da hinten auf dem Feld, der gerade repariert würde und er würde auch sofort nach erfolgreicher Reparatur loslegen, aber auf eine verbindliche Uhrzeit konnte sich natürlich niemand festlegen. Wir ergaben uns unserem Schicksal, kehrten an die Busstation zurück, kauften OSA-Tickets für den Nachmittagsbus und warteten und warteten und warteten. Eigentlich hatte ich gedacht, ich hätte bereits Geduld gelernt in Ghana, aber das war dann doch ein bißchen viel verlangt. Vielleicht hätten wir uns auch einfach aufraffen und trotz schwerem Gepäck den nächsten Rest Spot aufsuchen und in Ruhe Cola trinken sollen, aber dazu fehlte uns der Elan. Also: Busbahnhof. Zwischen wartenden Großfamilien, Unmengen an Gepäck, direkt vor den stinkenden Klos sitzend, weil da am meisten Platz war (warum wohl?!?), schwitzend (mein multifunktionaler Funkwecker zeigte 31,4 Grad im Schatten an), immer wieder von Bettlern heimgesucht und von kleinen Jungs umgeben, die ständig dieselben Informationen von uns erfragten: Name, Alter, Adresse, Geld, Grund des Aufenthalts und so weiter und so fort, beinahe Ewigkeiten.

Es war auch keineswegs so, dass die OSA, Omnisbus Service Authority mit vollem Namen, etwa annähernd pünktlich abfahren wollte. Auch wenn der entsprechende Bus schon seit Stunden rumstand, wollte einfach niemand mit dem Einladen beginnen, wir wurden vertröstet und vertröstet und schlappe 8 Stunden, nachdem wir das erste Mal an diesem Tag am Busbahnhof aufgerockt sind, saßen wir auch schon in einem Bus, der zum Bersten vollgestopft war mit allem nur erdenklichen, aber hauptsächlich mit Menschen und Yams. Der Mittelgang des Buses war nicht wie beim STC mit Sitzen zum Runterklappen versehen, sondern wurde mit stehenden Menschen aufgefüllt, ist ja auch wesentlich ökonomischer. Da dieser Tag einfach unter keinem guten Stern stehen wollte, waren wir keine 10 Kilometer gefahren, als ein Reifen unter erstaunlich leisem Pfffffft seinen Geist aushauchte.

Am Straßenrand - sehnsüchtig über die Savanne blickend...

Am Straßenrand – sehnsüchtig über die Savanne blickend…

Aber ne halbe Stunde am Straßenrand ist auch nett, der untergehenden Sonne über die Gras- und Baumsavanne hinterher blickend, sehnsüchtig – ach, wir könnten schon da sein und im Gasthaus gemütlich Drinks schlürfen. Nach einer Stunde Fahrt bogen wir von der geteerten Strasse auf eine rot-staubige Schotterpiste ab. Wir hielten faktisch an jeder noch so kleinen Siedlung und manchmal auch an Stellen, die in der tiefschwarzen afrikanischen Nacht nach „middle-of-nowhere“ aussahen, aber irgendwie haben ja immerhin die Aussteigenden den richtigen Ort erkannt, also muss da wohl auch was gewesen sein. Menschen stiegen aus, Yams stiegen ein und umgekehrt. Bei jedem Schlagloch bohrte sich der Vordersitz in meine Kniescheiben, aber immerhin konnte ich meine Beine in zwei verschiedene Stellungen bringen. Wie sich Christian auf diesen Sitzplatz neben mir gefaltet hat mit seinen beinahe 2 Metern ist mir ein Rätsel, ich will es aber besser auch nicht wissen. Um kurz nach 20 Uhr waren wir in Damongo angekommen, es waren nur noch 15 Kilometer bis Larabanga und wir wurden hoffnungsfroh, hatten wir das Erreichen von Larabanga an diesem Tag doch kaum noch für möglich gehalten. Und es gelang uns auch – trotz der nächsten ghanaischen Vereitelungsstrategie. Der Busfahrer verschwand nämlich auch über die halbstündige, wohl übliche Damongo-Pause hinaus. Also warteten wir wieder, umringt von kleinen Jungs, die uns Euromünzen abschwätzen wollten, aber sonst ganz umgänglich und nett waren und sogar ein bißchen Mitleid für unsere missliche und müde Lage übrig hatten. Um halb elf schließlich kam nicht etwa der Busfahrer von seinem Bier zurück oder von seinem Verwandtenbesuch oder was auch immer ihn in Damongo festhielt, sondern unsere Rettung erschien in Person von Hussein Salia, einem der beiden Salia Brüder, die das einzige Gasthaus in Larabanga betreiben. Er war auf einer Beerdigung in Damongo gewesen und hatte neben seiner Mutter, seiner Tante und einer weiteren älteren Dame noch ein Eckchen Platz in seinem schrottreifen Auto und nahm uns also mit nach Larabanga. Traumhaft, ein Bett! Und noch traumhafter, wir haben sogar noch was zu Essen gekriegt, auch wenn es ein Eier-Sandwich mit Zuckerbrot war, das fast ein wenig wie süßer Hefezopf schmeckt und eigentlich so gar nicht zu gebratenen Eiern passen mag, aber es war traumhaft überhaupt was zu essen zu kriegen zu dieser späten Stunde.

Zwei Nächte blieben wir unter der Obhut der Salia Brothers. Im Gegensatz zu wohl allen anderen TouristInnen, die den weiten Weg nach Larabanga hinter sich gebracht hatten, waren wir gekommen, um die Moschee zu besichtigen, das Leben in einem Dorf des ghanaischen, islamischen Nordens kennen zu lernen und etwas über Kultur, Baukultur, Lebensweise, Probleme und Freuden der lokalen Bevölkerung zu erfahren. Alle TouristInnen fahren eigentlich nach Mole, in den wohl bekanntesten Nationalpark Ghanas, der nur noch 5 Kilometer entfernt liegt und machen nebenbei einen kurzen Zwischenstopp bei der Moschee. Die Salias waren die ersten, die verstanden, dass wir nicht nach Mole wollten und nahmen das mit Begeisterung und Wohlwollen zur Kenntnis. Kurzerhand wurden wir zu Ehrengästen erklärt und rund um die Uhr umsorgt und betüdelt.

Das Gasthaus ist der Versuch der Salia Brothers von der touristischen Attraktion Mole zu profitieren. Die Kommune ist zwar durch den Nationalpark eingeschränkt in ihren angestammten Rechten, beispielsweise zu jagen und Holz zu schlagen, hat aber keinerlei Anteil an dem Geldsegen, den die Besucher bringen, da der Park unter nationaler Verwaltung steht und die Gelder aus Eintritt, Hotel, Souvenirs etc. zurück nach Accra fließen und den Norden nie wieder sehen. Vor wenigen Jahren entstand daher unter Federführung und Initiative der Salias das Gasthaus, das komplett in traditioneller Bauweise erstellt ist und dem Dorf so nicht nur Einkommen und Entwicklung beschert, sondern den Reisenden auch die lokale Kultur und Baukultur greifbar nahe bringt und erlebbar macht. Und was für ein Erlebnis, mal in einer traditionellen Lehmhütte zu schlafen, die Rundhölzer des Dachaufbaus von unten zu sehen, die y-förmigen Holzstützen in den Zimmerecken konstruktiv zu analysieren (sie stehen nämlich selbständig neben der Lehmmauer und tragen nur das Dach), Wasser aus dem Tank im Hof zu schöpfen, den Regen durch das Strohdach über dem Hof tropfen zu sehen, auf dem Flachdach abzuhängen, wo traditionell Erdnüsse zum Trocknen ausliegen, unter dem Moskitonetz zu schlummern und sich ein Himmelbett vorstellen und das Plumpsklo in Kauf zu nehmen.

Bei beginnender Dämmerung ist das Dorf unglaublich atmosphärisch, wie überhaupt die Zeit zwischen halb sechs und sieben in Ghana ein sehr faszinierendes Schauspiel bietet. (Und das mal ganz unabhängig von der in ganz Afrika sehr populären Guiness-Werbung, die mit den Worten beginnt, dass 6 Uhr in Afrika eine ganz besondere Zeit wäre, nämlich das Ende des Arbeitstages, wo die Menschen sich erholen, Kraft für den nächsten Tag sammeln und ihre Erfahrungen bei einem Bier austauschen. Übrigens bietet die Fernsehwerbung den Anblick von jung-dynamisch-erfolgreichen, gutaussehenden, biertrinkenden Männern ohne Bierbauch, Frauen kommen fast ausschließlich als Kellnerinnen vor, aber das nur am Rande.) Die halbe Stunde von halb sechs bis sechs ist in rotgoldenes Licht getaucht und von sechs bis sieben hat das Licht einen trockenen, morbiden Charme, eigentlich schon dunkel und eigentlich noch nicht, ein braunes Licht, dunstig von den Rauchschwaden unzähliger Kochtöpfe, dann ins graublaue tendierend und schließlich tiefschwarz werdend. Nachts leuchten die Sterne, auf dem Klo raucht eine Moskitoabwehrspirale vor sich hin und die Stechbiester sterben tatsächlich so theatralisch von dem Rauch, der an Räucherstäbchen und Indien erinnert, wie die Fernsehwerbung für „mosquito coils“ trickfilmartig zeigt. Morgens zwischen 4 und 5 Uhr beginnen die Ziegen zu blöken, die Hähne zu krähen und der Muezzin zu rufen – die perfekte Dorfidylle.

Erdnüsse liegen auf den Dächern zum Trocknen aus

Erdnüsse liegen auf den Dächern zum Trocknen aus

Familie entkernt Maiskolben

Familie entkernt Maiskolben

Es wurden zwei ruhige, gemächliche, aber keineswegs langweilige Tage in Larabanga, in denen wir die Atmosphäre und Stimmung des Dorfes in uns aufsogen, die Moschee ausgiebig bestaunten und durch das Dorf geführt wurden, in versteckte Winkel und durch schmale Gassen, in die wir uns ohne einheimische Führung nie reingetraut hätten aus Angst Privatsphäre zu verletzen. Larabangas Bevölkerung lebt fast ausschließlich von Landwirtschaft, die meisten wohl auch in Subsistenz. Yams, Maniok, Mais, Erdnüsse werden angebaut und Ziegen und Hühner gehalten. Auf unserem Dorfrundgang konnten wir die Menschen beim Erdnüsse trocknen, Mais von Kolben abpulen, Fufu stampfen, Kochen und Waschen beobachten und es ist unglaublich zu sehen mit welcher Mühsal alles von Hand erledigt wird und wie gar nichts automatisiert oder maschinisiert ist. Klar, wenn Strom zwar vorhanden, aber teuer und unzuverlässig ist. Die lokale Baukultur ist hochinteressant. Traditionell wird mit Lehm gebaut, allerdings nicht einmal mit gebranntem Lehm, sondern lediglich mit sonnengetrocknetem, was leider nicht sonderlich zur Stabilität und Dauerhaftigkeit beiträgt, wenn mensch sich die klimatischen Bedingungen und die täglichen Angriffe von Sonne, tropischem Regen, Termiten etc. auf die Bausubstanz vor Augen hält. Die Häuser sind entweder rechteckig oder rund und stehen immer in einem Gemeinschaftsverbund, so dass mehrere Häuser eng nebeneinander eine Art Gehöft um einen zentralen Innenhof bilden. Im Bauprozess werden zunächst die Lehmwände hochgezogen. In den Ecken der Hütten werden Holzstämme in den Boden gerammt, die am oberen Ende ein Y aus Astgabeln bilden. Darauf lagert dann die Dachbalkenkonstruktion, die völlig unabhängig von den massiven Wänden auf den Holzstützen lagert, was schon ungewöhnlich ist. Die Dächer sind teils flach aus einer betonähnlichen Masse oder mit Wellblech gedeckt, manchmal sind sie auch mit Stroh gedeckt mit etwa 30 Grad Neigung. Die Flachdächer sind allesamt begehbar und werden rege genutzt, zum Wäsche trocknen, zum Lebensmittel lagern und aufbereiten. Die Lehmwände der Häuser sind mit Mustern dekoriert, die wohl früher als eine Art Kalender dienten und wo die Monate und Jahre mitgezählt wurden. Heute ist das nur noch Zierde. Uns wurde auch die lokale Schule gezeigt, die sich noch im Aufbau befindet und die unter allen nur denkbaren Problemen – materiellen, wie immateriellen – leidet. Das Bewusstsein der kleinen Moslem-Kommune für die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Bildung war wohl nicht sonderlich ausgeprägt, weil Bildung mit Missionarstätigkeit und damit dem Christentum verbunden wurde. Die Menschen fürchteten, dass ihre Kinder Christen würden, wenn sie zur Schule gingen. Mittlerweile hat sich das scheinbar geändert und Anstrengungen für die eigene Schule im 2000-Seelen-Dorf Larabanga werden zwar unternommen, scheitern aber an den einfachsten Dingen: Schulbänke, Türen, nicht einstürzende Wände, qualifizierte Lehrer, die nicht nur bereit sind sich in den vorletzten Winkel Ghanas zu begeben, sondern auch der lokalen Sprache mächtig sind (Wale, also bereits wieder eine andere als in Tamale). Wir haben ein wenig Geld für die Schule gespendet, uns aber gar nicht wohl in unserer Haut gefühlt, jeder Betrag, den wir spontan hätten entbehren können, sieht so lächerlich aus angesichts der Zustände dort. Absolute Hilflosigkeit legt sich einer aufs Gemüt.

Auch die Moschee von Larabanga ist trotz aufwändiger Instandsetzungsarbeiten in einem etwas traurigen Zustand. Die beiden Minarette der Moschee sind eingestürzt, obwohl sie erst 1997 unter anderem aus Mitteln der EU umfassend renoviert worden sind. Die Kommune arbeitet aber immerhin mit großem Einsatz an der Erhaltung dieses Kulturerbes.

Moschee von Larabanga

Moschee von Larabanga

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Trauriger Zerfall des Ostturmes

Die Moschee ist unglaublich faszinierend und soll aus dem 15. Jahrhundert stammen. Aber wahrscheinlich ist kein einziges Sandkorn daran mehr original aus dieser Zeit. Die Geschichte der Moschee klingt nach einer wilden Mischung aus afrikanischem Aberglauben, Mythos und nach mündlicher Überlieferung, die von Generation zu Generation noch bunter und wilder wird. Es ging etwa so: die Vorfahren kamen vor etwa 600 Jahren aus der Gegend von Womba im heutigen Nigeria (und ganz grundsätzlich aus dem Norden, also der Saharazone) und teilten sich in die drei Volksstämme Dagbani, Wale und Mamprusi. Der Prophet, der die Suche nach einem neuen Siedlungsraum anführte, machte an einem mystischen Stein Rast, der da schon immer gelegen hat und warf nachts nach seinen Gebeten einen Speer. Am Landeort des Speers sollte eine Moschee errichtet und die neue Ansiedlung gegründet werden. Und so geschah es. Später, als im 20. Jahrhundert die Strasse nach Wa gelegt werden sollte, lag der mystische Stein im Weg der optimalen Route, weshalb beschlossen wurde, dass der Stein weichen muss. Er wurde weggeräumt, lag aber am nächsten Tag ganz mystisch wieder an alter Stelle. Das geschah drei Nächte lang, woraufhin der Willen des mystischen Steins, an diesem mystischen Ort liegen zu wollen, respektiert wurde und die Strasse also in zwei Serpentinen den Hang hinunter und am Stein vorbei schlängelnd gebaut wurde.

Also wenn mensch mich und meinen rationalen Verstand fragt, dann muss zum einen der Prophet ein großartiger Athlet gewesen sein, der jede olympischen Spiele locker gewonnen hätte. Zwischen dem mystischen Stein, also dem Abwurfpunkt des Speeres und dem Landepunkt, der heutigen Moschee, liegen nicht nur gute 500-600 Meter (nach meiner Schätzung), sondern auch ein Hügel und Vegetation. Und zum anderen sind meiner Auffassung nach die zwei Kurven der Strasse um den Stein herum alleine von der Steigung des Hanges notwendig, mal ganz abgesehen davon, dass die mystischen Wanderungen des Steins wohl eher nächtliche Hauruck-Aktionen eifriger Jünger gewesen sein müssen. Wie auch immer, die Menschen in Larabanga glauben an ihre Mythen und da hilft jeglicher scharfsinniger Verstand auch nichts.

Wesentlich mehr war leider über die Moschee und die Baukunst nicht herauszufinden, trotz sachkundigem Nachfragen. Wir konnten noch die Bet-Richtung ausfindig machen, die nach unserem Orientierungssinn und ohne Kompass wohl wirklich gen Mekka zeigen musste. Über Stil, Details, Dekoration, Bedeutung und Hintergrund der Gestalt musste ich mich mit der unbefriedigenden Aussage meines Ghana-Buches, dass mensch deutlich den Einfluss und den Stil der Sahelzone ablesen könne, zufrieden geben. Unser einheimischer Führer war völlig überrascht und überfordert von derartigen Detailfragen. Der Innenraum ist für Ungläubige tabu, weshalb wir uns auf den äußeren Anblick beschränken mussten, uns wurde aber versichert, dass die Moschee von innen in der typisch traditionellen Bauweise erstellt und daher völlig unspektakulär sei.

Nach zwei Nächten in Larabanga zog es uns weiter nach Wa, wo ebenfalls eine Moschee und der Königspalast in derselben Bauweise wie die Larabangamoschee zu sehen sein sollten.

Die Reise dort hin raubt mir immer noch die Worte, es war einfach unbeschreiblich. Wir warteten gemütlich und gemächlich, nichts böses ahnend und fast ein wenig zu friedlich – die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm – in unserem Gasthaus auf den OSA-Bus, der um 6 Uhr morgens aus Tamale abfährt, in Larabanga vorbeikommt und dann nach Wa weiterfährt.

Als um 11 Uhr immer noch kein Bus in Sicht war, wurden die sehr sorgenden Salias auf einmal hektisch, meinten, da wäre irgendwas schief gegangen bei der OSA (wen wundert’s?!?) und wollten uns unbedingt was Gutes tun, indem sie unsere Weiterreise in Gang brächten. Kurzerhand wurde ein Pickup angehalten und wir wurden auf die offene Ladefläche gepackt, auf der sich bereits zentnerweise Yams, Ziegel, Kanister, Blechschalen, Eimer und sechs GhanaerInnen samt Gepäck befanden. Ich weiß gar nicht mehr, wie das alles da drauf gepasst hat, aber irgendwie ging das. Aber auch nur irgendwie. Es holperte und schwankte alles, der Fahrtwind blies einer mächtig um die Ohren, die Sonne brannte ganz ordentlich und eigentlich war alles in eine riesige rote Staubwolke gehüllt, die sich mit uns gen Wa fortbewegte. Die Strasse war nämlich keine Strasse, wohlwollend vielleicht ein Weg, aber eigentlich nur ein roter Streifen zwischen den grünen Flächen, sonst unterschied sich die Piste nicht wesentlich von der Umgebung. Es ging halbmeterweise bergauf-bergab durch Schlaglöcher und Schlammlöcher, im Zickzack, um dem Schlimmsten auszuweichen und angesichts der Zustände in einer mörderischen Geschwindigkeit von geschätzten 30-50 km/h. Die ersten 5 Minuten fand ich unglaublich aufregend und abenteuerlich. Die nächsten 5 Minuten hatte ich unbeschreibliche Angst runter zu fallen und klammerte mich panisch und krampfhaft an allem fest, was ich greifen konnte und mir stabil erschien. Christian konnte mich, obwohl er wesentlich ungünstiger „saß“ als ich und wesentlich mehr vom Runterfallen bedroht sein musste, wieder beruhigen. Die restlichen 80 Minuten Fahrt bis Sawla, wo auf einmal eine hübsche und frisch erstellte Asphaltstrasse (EU und GTZ-Förderung!!) begann und unser Pickup endete, verbrachte ich damit, mich darauf zu konzentrieren jetzt nicht zu kotzen und das Fufu, das ich noch vor Abfahrt gegessen hatte, wieder von mir zu geben. Ich wurde auf diesem Gefährt tatsächlich seekrank. Mit festem Boden unter den Füssen ging es mir binnen einer halben Stunde wieder recht gut, wir schnappten uns die besten Plätze im nächsten Trotro nach Wa, nämlich die neben dem Fahrer, wo mensch ein wenig Beinfreiheit und Bewegungsspielraum hat und waren bereits zwei Stunden später in Wa und eine weitere halbe Stunde später in einem großartigen Hotelbett. Durchatmen! Angekommen! Hurra! Eigentlich war Wa wirklich das Ende der Welt, wobei ich ein Zitat meines derzeitigen Lieblingsautoren Raul Zelik aus „Grenzgängerbeatz“ im Kopf habe, wo er schreibt, dass Reisende manchmal einen seltsamen Eindruck davon bekommen können, wo bei einem runden Planeten die Welt anfängt beziehungsweise aufhört. Wie wahr. Wa ist schließlich Regionalhauptstadt der Upper West Region und im Gegensatz zum Umland bestimmt das pulsierende Leben.

Das, was uns eigentlich nach Wa gebracht hatte, nämlich Königspalast und Moschee waren kaum der Rede geschweige denn eines Anblickes wert. Der alte Königspalast, der tatsächlich im Baustil an Larabangas großartige Moschee erinnert, fungiert nicht mehr als Herrschersitz. Der König von Wa, genannt Wa-Naa, ist seit seiner Ernennung zum König vor vier Jahren in einen anderen Palast umgezogen und seitdem rottet und fault der alte, schöne Palast vor sich hin, von Ziegen bestiegen, von Pflanzen umwuchert und Wind und Wetter preisgegeben.

Die Moschee wiederum steht seit den 70er Jahren nicht mehr. Die bruchreife Bausubstanz wurde abgerissen, um eine neue, moderne und größere Moschee an derselben Stelle zu errichten, die den Platzbedürfnissen der gewachsenen moslemischen Gemeinde besser entsprechen sollte. Das Verständnis für die Erhaltung von historisch interessanten Gebäuden ist nicht bis nach Wa gekommen, weder damals, noch heute.

Wir waren ganz schön frustriert, sollte der weite und beschwerliche Weg nur zu unserem Zeitvertreib gut gewesen sein? Doch es wäre nicht Ghana, wenn die Dinge nicht genau dann, wenn alles unerträglich und gemein scheint, eine positive Wendung nähmen.

Wir stromerten gerade um Palast und Moschee herum und machten einige traurige Fotos von traurigen Zuständen, als uns ein Polizist sehr aggressiv begegnete und Auskunft darüber verlangte, was wir denn da fotografierten. Christian hatte nämlich gerade die Digitalkamera auf die Müllhalde vor dem Palast gerichtet gehabt, aber doch in Ermangelung eines guten Motivs nicht abgedrückt. Der Polizist war scheinbar erzürnt darüber, dass wir Elendsbilder machten, das können GhanaerInnen nämlich gar nicht gut haben, weshalb Fotografieren mitunter sehr heikel sein kann, wie sich jetzt wieder zeigte. Doch glücklicherweise hatte Christian erstens nicht abgedrückt und zweitens konnten wir den Polizisten sehr damit beeindrucken, dass wir ihm auf dem Display die bereits gemachten Bilder zeigten. Besänftigt fragte er, wo wir herkämen. Deutschland, ach, da ist doch sein Vater gerade, verheiratet mit Erika! Er fragte weiter nach unserer Mission, was uns denn eigentlich bis nach Wa gebracht hätte, wo es doch kaum Weiße bis hierher schafften. Wir erzählten ihm von meinem Interesse an islamischer Architektur, meinem Praktikum in Kumasi, dem Aufenthalt und unseren Erlebnissen in Larabanga, woraufhin er uns anbot, eine Audienz beim Wa-Naa für uns zu organisieren. Wir sollten einfach um 14 Uhr am neuen Königspalast sein, da säße er Wache und brächte uns dann zum Wa-Naa. Eine Audienz beim König, na wenn das nichts ist!

Kurz nach zwei hatten wir den Palast gefunden, was ohne ghanaische Suchmethode (so lange Leute auf der Strasse fragen, bis mensch am Ziel ist) nicht einfach gewesen wäre. Unser Ghana-Buch spricht zwar von der generellen Möglichkeit, den Wa-Naa zu treffen, erzählt aber nichts vom neuen Palast, von Karten oder Stadtplänen mal ganz zu schweigen.

Eine Mauer entlang der Strasse mit der Aufschrift „Driving through the Wa-Naa’s court is highly prohibited by authority“ öffnete sich zu einem Hof hin, wo die Wachposten aus Soldaten und Polizei im Schatten ihrer olivgrünen Zelte und einem Baum auf Bänken saßen, hinter ihnen ein Tisch mit einem Patronengurt und geladenem Maschinengewehr, das den Zweiten Weltkrieg sicher schon miterleben musste. Wir schnackten ein wenig mit ihnen, sie wussten bereits von unserem Kommen und baten uns Platz zu nehmen, bis der Wa-Naa bereit wäre, uns zu empfangen. In der Zwischenzeit boten sie uns Kolanüsse an, die im Übrigen ganz schön bitter und eklig schmecken, aber naja, wenn’s wach macht… Schließlich wurden wir zur Audienzhalle geleitet, ein einfaches und schlichtes rechteckiges Gebäude mit Wellblechdach und ohne jegliche Zier. Vor der Tür stapelten sich die Schuhe, weshalb auch wir ungefragt unsere Schuhe auszogen. Wir betraten den Raum, verbeugten uns ein wenig vor dem Wa-Naa, der rechts vom Eingang auf einem einfachen Holzstuhl saß, nicht wissend, wie mensch einem ghanaischen König angemessen ehrfurchtsvoll, aber nicht unterwürfig begegnet. Aber scheinbar haben wir uns instinktiv ganz richtig verhalten. An der linken Wand saßen etwa sieben Männer in Kaftans auf einer Holzbank, daneben zwei Plastikstühle für uns. Vor der rechten Wand lagen Teppiche, die von 15 bis 20 Männern, alt und jung gemischt, belagert wurden.

Das komplette Gespräch wurde übersetzt, der Wa-Naa sprach scheinbar kein Englisch. Er begrüßte uns ausführlich und aufwändig mehrmals, bedankte sich für unser Kommen und fragte nach unserer Mission. Ich übernahm den Dialog für Christian und mich, erklärte, dass ich als Architektin in Kumasi arbeitete und Interesse an Kultur und Tradition des islamischen Wa hätte, speziell an Baukultur und Architektur. Er erwiderte, dass er alleine an der Art und Weise, wie wir gekommen seien, sehen könnte, dass wir Interesse am Islam hätten und erzählte uns daraufhin die Geschichte des Königshauses, die sich mit der Anekdotensammlung, die wir bereits aus Larabanga kannten, auffällig überschnitt.

Seine Erscheinung war nicht wirklich imposant, ein weißhaariger, etwa 60-jähriger Mann, als einziger im Raum mit Schuhen an, schlichte weiße Sandalen, ein weißes Käppchen auf dem Haupt und ein mit Stickereien verziertes hellblaues Hemd, das als einziges ein wenig Glanz ausstrahlte. Interessant war es durchaus auch, herauszufinden, was mit dem armen, alten Palast und der Moschee passiert ist. Wenn wir die verworrene und verwirrende Geschichte richtig verfolgt und im Kopf behalten haben, dann muss es so gewesen sein, dass an exakt der Stelle, an der wir mit dem Wa-Naa sprachen, früher der allererste Palast gestanden hatte. In den 1930er Jahren ließ dann ein neuer Chief in unmittelbarer Nähe zur Moschee einen Palastkomplex nach dem architektonischen Vorbild der Moschee von Wa errichten. Dieser Palast, den wir also zunächst aufgrund der Bauweise für den alten, ursprünglichen Palast hielten, und der jetzt in einem so traurigen Zustand daniederliegt, diente tatsächlich bis vor 4 Jahren als Herrschersitz. Dann wurde er, der jetzige König, zum Wa-Naa ernannt. Er stammte aus einem Clan, dessen Könige schon immer von der ursprünglichen Stelle aus geherrscht hatten, weshalb er seinen Sitz wiederum verlegte. Der jetzt verfallene Palast war wohl nur ein Intermezzo des 20. Jahrhunderts. Solange, bis wieder ein neuer Herrscher ernannt wird, der entscheidet, dass er neben der Moschee residieren will, wird der dortige Palast eben verfallen und vor sich hin rotten. Traurig, aber wahr.

Wir ließen uns noch durch den Palastkomplex führen, der aus absolut bescheidenen, aber ordentlichen Häusern besteht, die sich traditionell um verschiedene Höfe gruppieren, durch ein Wegenetz miteinander verbunden und durch eine Mauer von der Außenwelt abgetrennt und nur durch die Audienzhalle betretbar. Verwandte und Familie des Wa-Naa leben im Palast, wohingegen gegenüber auf der anderen Straßenseite die Familie des Bruders des Wa-Naa in einer ähnlichen Anlage lebt. Es mag verwunderlich erscheinen, in welch bescheidenen und einfachen Verhältnissen dieser König lebt. Keinerlei Prunk, keine Repräsentativität in den Bauten, nichts, womit mensch europäische Königshäuser beispielsweise verbindet. Das liegt sicher zum einen daran, dass in Ghana die Grösse eines Königs an seiner persönlichen Weisheit und Integrität gemessen wird, zum anderen aber auch daran, dass er erst seit kurzem König ist. Er selbst sagte uns, dass Menschen Zeit zum Wachsen brauchen und so auch sein Palast noch Zeit zum Reifen benötigte.

Damit verabschiedete sich der Wa-Naa in einer ebenso aufwändigen Zeremonie wieder von uns, bedankte sich für unser Interesse und Engagement. Wir bedankten uns ebenfalls für den Empfang und die Auskünfte, dafür, dass er uns Einblicke in Leben, Kultur und Geschichte der Menschen von Wa verschafft hat, er bedankte sich wieder und so ging das eine gemächliche Weile vor sich hin. Welch ein Erlebnis!

Wesentlich mehr passierte in Wa denn auch nicht, mal abgesehen vom leckersten Red Red in ganz Ghana (frittierte Kochbananen und Bohnen) und den tollen Reaktionen der Menschen auf den Strassen von Wa: mit wie viel Fröhlichkeit, Neugierde, Staunen, Freundlichkeit und ghanaischer Gastfreundschaft sie auf uns als weiße Besucher reagiert haben, ist kaum in Worte zu fassen. Die Abfahrt zurück nach Tamale wurde wie erwartet schrecklich, OSA ist für uns wirklich zum Synonym für Unzuverlässigkeit, notorische und sinnlose Unpünktlichkeit und sonstigen Terror geworden, den ein Busunternehmen so verbrechen kann. Natürlich stellt die Strecke von Wa nach Tamale, obwohl nicht sonderlich lang, auch kein Zuckerschlecken dar und nachdem dann endlich mal ein Bus da war, ging es in knappen 9 Stunden auch recht flott, den Umständen entsprechend.

Unser Lieblingsbusunternehmen OSA mit dem üblichen Chaos und Ziegen auf dem Dach

Unser Lieblingsbusunternehmen OSA mit dem üblichen Chaos und Ziegen auf dem Dach

Eine weitere Nacht in Tamale, eine weitere Busfahrt nach Kumasi (wir hatten echt erstmal genug von Bussen, egal von welchem Unternehmen…) beendete schließlich und endlich die Reise in den Norden. Kumasi empfing uns wie üblich mit Regen und (relativer) Kälte, aber es war doch fast wie nach Hause kommen. Gewohnte Strassen, zurück ins selbe Hotel, von den Rezeptionisten erkannt und herzlich empfangen zu werden, im selben Zimmer zu schlafen und die gewohnte Umgebung um sich zu haben, zu wissen, wo mensch lang läuft und wo es das beste Essen gibt. Zu Hause eben.

Und wie es in den Süden ging, will ich ein andermal erzählen.


Weiterlesen bei Teil 6

 

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