Ghana Geschichten 6

Geschichten aus Ghana 6 – „Abschied nehmen“

von Kerstin Sailer


04. Oktober 2002

Nur noch wenige Tage bleiben mir in Ghana bevor mich der deutsche Lufthansa-Flieger nach Hause bringen, wieder der Realität aussetzen wird, nachdem mir hier oft genug alles wie im Traum erschien, oder wie meine verstorbene Oma jetzt sagen würde, wenn sie noch lebte: „jetzt fängt der Ernst des Lebens an“.

Noch wenige Tage trennen mich vom Heimflug und es ist ein seltsames Gefühl in Ghana langsam mit den Abschieden zu beginnen, zu planen, was mensch immer noch mal machen wollte, aber bisher abwinkend vor sich her geschoben hatte, mit einem gedankenverlorenen „mach ich irgendwann mal“ auf den Lippen. Damit ist jetzt Schluss und noch bevor ich Kumasi verlassen konnte, war bereits Schluss mit bestimmten Plänen.

Eigentlich wollte ich nämlich schon längst unterwegs sein, das Büro weit hinter mir gelassen haben, ebenso wie die reizende Familie, die mich in den letzten zwei Wochen beherbergt, bemuttert und äußerst professionell betüdelt hat, angefangen vom Frühstücks-Service und riesigen Portionen ghanaischer Gerichte abends, wenn ich von der Arbeit kam, bis hin zum Waschen meiner Wäsche und dem Bügeln meiner Klamotten. Ich könne ja wohl unmöglich mit diesem knittrigen Rock das Haus verlassen wollen…

Aber es kommt ja immer anders, als mensch denkt und plant. Dienstagnachmittag wuchsen die dämmernden Kopfschmerzen, die sich bereits seit ein oder zwei Tagen immer mal wieder bemerkbar gemacht hatten, zu einem regelrechten Horror in meinem Kopf an. Ich verließ das Büro ein wenig früher als gewöhnlich, auf den Computer und Autocad konnte ich mich eh nicht mehr konzentrieren, immer noch im Glauben, das wären einfach nur kleine, harmlose Kopfschmerzen. Einen Tee zuhause, ein wenig hinlegen und Rücken entspannen und ich dachte die Sache wäre gegessen. Doch alleine der Weg zur Trotro- und Sammeltaxistation ließ Schlimmes ahnen. Ich schlich Schritt für Schritt den etwa einen Kilometer langen Weg entlang, immer wieder innehaltend und die Finger an die Schläfen legend, als ob sie den Schmerz ableiten könnten. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich es bis nach Abrepo nach Hause geschafft hab, es muss wohl irgendwas a la Schlange stehen an der Station, vielleicht 15 Minuten, dann Sammeltaxi über Schlaglochstrasse, etwa 25 Minuten mit Abendverkehr und schließlich letztes Stück zu Fuß, ungefähr 2 Minuten gewesen sein. Ich kann mich an nicht viel erinnern, nicht einmal mit welchen Leuten ich im Taxi saß, was sie geredet haben, ob Twi oder Englisch, ob sie sich mal wieder über mich unterhalten haben und dachten, ich würde das nicht mitkriegen.

Ich hab mich schnurstracks ins Bett begeben und bin die nächsten 40 Stunden auch kaum wieder rausgekrochen, von den regelmäßigen Klogängen mal abgesehen. Meine Güte, ging es mir dreckig. So etwas habe ich noch nie erlebt: da rauschten sie hinfort, alle meine schönen Reisepläne, ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie es mir jemals wieder so gut gehen könnte, dass ich die Fahrt nach Accra und den Flug nach Deutschland überleben würde, von Strand und Meer und Bier und Rumreisen ganz zu schweigen. Zwischendurch dachte ich fast, jetzt sterbe ich. Meine Familie faselte immer nur von Malaria. Es war mir alles egal, das Reisen, die Sehenswürdigkeiten, ein Remake meiner Rasta-Frisur, ich wollte nichts mehr, gar nichts mehr – nur dass dieser Schmerz endlich aufhört. Mensch kommt schon auf schräge Gedanken im Fieberwahn!

Natürlich ging es mir bald wieder besser und um auch meine Psyche zu entspannen, hab ich mir dann doch noch das Erlebnis ghanaisches Krankenhaus angetan, auch wenn ich bis zuletzt dachte, das könnte ich mir ersparen. Aber die Ghana-Götter haben wohl entschieden, dass ich genug gelitten hatte, denn das Okomfo Anokye Krankenhaus war ziemlich nett zu mir. Nach vier Stunden hatte ich schon ein Ergebnis in Händen, hatte den Doktor zweimal gesehen, mir Blut abnehmen lassen (ohne Umzukippen!!) und mal hier, mal da ein bisschen gewartet. Keine Malaria! Ich hätte am liebsten den netten, jungen Arzt umarmt (da hätte der bestimmt nichts dagegen gehabt, kurz darauf hat er nach meiner email-Adresse gefragt und mir auf eine Rezeptrückseite seine Telefonnummer aufgeschrieben…). Wie schön! Keine Malaria!

Wenn ich in den vorangegangenen zwei Tagen auch nur ansatzweise rational hätte denken können, wäre mir vielleicht selbst aufgefallen, dass Malaria auch wirklich unwahrscheinlich war. Ich hatte tagelang keinen Mückenstich mehr aufgesammelt, dafür brav und pünktlich jede Woche Lariam als Prophylaxe geschluckt. Und überhaupt, was wäre denn das für eine Scheiss-Idee gewesen, kurz vor Abflug noch derartig in ghanaischen way-of-life einzutauchen, noch mehr Ghanaerin zu werden als ohnehin schon, und dieselben Krankheiten zu kriegen. Ne, ne, ne, das muss nicht sein und das hatte ich ja eigentlich auch nicht verdient. (ich weiß, dass das kein hinreichendes Kriterium dafür ist, wann wem etwas passiert oder nicht, zumindest rein logisch nicht. Aber wenn ich schon nicht Gott für Ausreden einsetzen kann, wie Kofi-Durchschnitts-Ghanaer…) Meine Arbeitskollegen im Büro konnten noch mit einer ganz aparten Theorie aufwarten: ich wäre krank geworden, weil mein Körper zwar nach Deutschland zurückwollte, aber mein Geist sich dem verweigern würde, weil ich eigentlich nämlich hier bleiben wollte im tiefsten Inneren meines Herzens und ihnen könnte ich es übrigens ruhig eingestehen. Das ist wohl deren Wunschdenken. Bei mir überwiegt eher die Sichtweise des einen Auges lachend und des anderen weinend.

Nun hat sich also meine Abreise verzögert, ich bin immer noch in Kumasi und wohin ich noch überall kommen werde, steht in den Sternen. Aber ich habe beschlossen, mir nicht meine letzten paar Tage mit dem „ach, es wäre so schön gewesen wenn…“ zu versauen, sondern das Beste daraus zu machen. Und das heißt bis Montagmorgen in Kumasi bleiben, in Ruhe alle Einkäufe und Erledigungen hinter sich bringen und die sich bietende Gelegenheit beim Schopfe packen und Sonntagnachmittag ins Stadion zu gehen und das erste Spiel des Halbfinales des „Cup Winners Cup“, also der afrikanischen „Champions League“, zwischen Asante Kotoko und der kongolesischen Mannschaft anzugucken, gemeinsam mit meinem Gastvater.

Asante Kotoko

Asante Kotoko

Auch wenn ich nun wirklich kein Fußball-Fan bin, wird das sicher ein Erlebnis, einfach weil die GhanaerInnen derartig fußballfanatisch sind, dass mensch jetzt schon die Spannung in Kumasi spüren und die Atmosphäre riechen kann. Sonntag wird sich Kumasi dann in einen österreichischen Hexenkessel verwandeln, Kotoko hat nämlich rot-weiss-rot als Clubfarben.

 

Eigentlich wollte ich ja noch ganz viel erzählen und schreiben, sowohl von den täglichen kleinen Beobachtungen und Alltagsdetails, als auch von der großen Reise, zweiter Teil. Aber ich sehe meine Zeit schwinden und werde daher vertrösten müssen. Aber erstens sind live-Erzählungen ja schon auch gut, zweitens gibt es dann – in zwei bis drei Wochen – auch endlich die ersten Bilder zu bewundern. Die Abenteuer, Turbulenzen und Geschichten auf meinen weiteren Erkundungstouren durch den Süden gibt es also ein ander Mal. Denn nur weil ich es euch jetzt nicht schreibe, heißt das nicht, dass es nichts zu erzählen gäbe. Die beeindruckenden und bedrückenden Sklavenburgen und ihre gruselige Geschichte, die traumhaften TUI-Katalog-Strände (hier machen die also diese großartigen Fotos mit Palmen, türkisblauem Meer, orangefarbenem Strand und menschenleerer Weite), die kleinen beschaulichen Fischerdörfer an der Küste, wo ich mir ganz unbeschaulich meine Trekkingsandalen hab klauen lassen, der Ausflug nach Nzulezo, wo ich es nur mit Mühe geschafft hab, den geplanten Tagesausflug auch innerhalb eines Tages zu beenden und dafür mit einer abendlichen (besser gesagt nächtlichen) Meeresfrüchtepizza samt Tomatensalat belohnt wurde, Trotro-Fahrt um Trotro-Fahrt, die atemberaubenden Hängebrücken über und durch den Kakum Nationalpark, die Krokodile und Webervögel in der Dschungeloase des Hans Cottage Hotel – ach ja – das eine oder andere Anekdötchen würde mir ja schon locker von den Lippen sprudeln, aber mir bleibt keine Zeit dazu.

Also: Gedulden! Die großartigste der ghanaischen Tugenden üben! Oder auf gut Twi: toabuasi.  Bald habt ihr mich wieder, meine Lieben!

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