Ghana Geschichten 1

„Als Weiße in Ghana“

von Kerstin Sailer


9. Juli 2002

Vieles ist in Ghana anders als in Deutschland. Diese Geschichten erzählen vom Leben in Ghana, von den großen und den vielen kleinen Dingen des Lebens, von Abstrusitäten und Kuriositäten, die hier gang und gäbe sind, aber durch die Augen einer Weißen, einer „Obroni“ sieht die Welt eben manchmal anders aus, vor allem als mensch denkt.

Mensch fällt auf in Ghana als Weiße, auch wenn das nicht automatisch negativ sein muss. Und dennoch verschwindet mittlerweile das Kriterium „Hautfarbe“ sehr oft in meinem Hirn, weil ich ja nur Schwarze sehe, was ich als normal empfinde und oft nicht daran denke, dass ich anders aussehe.

Ins Gedächtnis gerufen wird das dann hauptsächlich in zwei Fällen: wenn dir kleine Kinder „Obroni, Obroni, how are you?!?“ hinterherrufen, wenn sie deine Haut berühren wollen (wahrscheinlich um zu testen, ob die wohl echt ist….) und im anderen Fall, wenn mensch ein Taxi braucht. (aber Taxifahrer sind wohl überall auf der Welt Betrüger…).

Und ich brauche zweimal am Tag ein Taxi, morgens wenn ich vom Uni-Campus in die Stadt zur Arbeit fahre, und abends auf dem Rückweg. Mensch möchte fast meinen, jede Taxifahrt, eine Geschichte, aber irgendwann wiederholen sich sicherlich auch die möglichen Begebenheiten, aber wer weiß, solange bin ich ja auch noch nicht hier.

Vom Campus in die Stadt zu fahren, ist eine vergleichsweise einfache Übung, zumindest unter der Woche und frühmorgens. Da wollen so viele StudentInnen in die Stadt, dass es ein leichtes ist, einfach zuzusteigen, die Taxis werden sowieso meist vollgeladen mit bis zu 6 Personen und dann zahlt jeder nur 1.000 Cedis, (7.700 Cedis = 1 Euro), daraus werden dann höchstens mal Geschichten, wie die, dass mich ein anderer Student auf die Taxifahrt eingeladen hat, weil ich ihm ein deutschsprachiges Dokument schnell übersetzt hab (und er nach Deutschland gehen wollte, und es wahrscheinlich einfach toll fand, mit ner Deutschen zu schnacken…) oder die (wird schon etwas spektakulärer….), dass ich als letzte in einem Taxi übriggeblieben war, alle anderen schon abgesetzt und wir waren nach meinem Ortsgefühl auch schon fast bei meinem Architekturbüro. Ich wollte aber Nummer sicher gehen, weil es erst mein zweiter Tag war und hab dem Fahrer gesagt, er solle mich in der Prempeh II. Street absetzen, ich dachte das würde die Sache vereinfachen. Weit gefehlt – Taxifahrer kennen hier keine Straßennamen. Anstatt aber zu sagen, „sorry, weiß nicht, wo das ist“, nickte er nur und fuhr weiter, immer weiter und immer weiter. Bis mir klar war, dass wir uns wieder vom Stadtzentrum entfernen, war es bereits zu spät. Der Fahrer fragte mehrmals nach dem Weg (irgendwelche Leute auf der Strasse, andere Taxifahrer…), ich wiederholte wieder und wieder den Straßennamen und fragte auch zunehmend genervt und mit einem Hauch Verzweiflung, wohin er mich eigentlich brächte. Schließlich, nach einer halben Stunde Rumgegurke, mehreren Wendungen und Irrungen blieb er triumphierend stehend, deutete zum Fenster raus und meinte: „Prempeh College“.

Wir waren irgendwo am Arsch der Welt. Ich protestierte wild, schimpfte, dass ich zu spät zur Arbeit kommen würde (wobei das wahrscheinlich auch für Ghanaer schwer verständlich sein wird, wie mensch nach einer halben Stunde schon verspätet sein könnte, aber das nur am Rande), der Arme fuhr mich also zurück in die Stadtmitte, ungefähr dahin, wo die Rundfahrt zuvor begonnen hatte, und bedankte sich auch noch ganz höflich für die 1000 Cedis.

Abends wieder auf den Campus zurück braucht mensch ein wenig mehr Glück und Geschick. Am liebsten würden die Fahrer eine nämlich einfach so mitnehmen, niemanden sonst einsteigen lassen und das Vielfache dessen verlangen, was sonst zu bezahlen wäre. Meine erste Fahrt zurück wurde nämlich genau das, wobei es mir durch gutes Verhandeln noch gelang den Preis auf 5.000 zu drücken, aber ich saß ja auch allein im Taxi und wusste aber auch gar nicht, was mensch denn so tun muss, damit auch andere zusteigen.

Die zweite Fahrt ließ mich Bekanntschaft mit einem ehemaligen Hafenarbeiter aus Bremerhaven machen, der mir behilflich war bei der Taxisuche. Es regnete aus Kübeln, und der erste Taxifahrer, wohl meine missliche Lage erkennend, wollte 20.000 Cedis haben. Jener fuhr also wieder unverrichteterdinge und ohne Obroni im Auto, ich fuhr nicht, weiterhin im Regen stehend. Der Hafenarbeiter, der vor einem Laden saß, erkundigte sich nach meinem Problem, lachte herzhaft bei dem Preis und fragte, wie viel ich denn zu zahlen bereit wäre. Wir haben kurz geschnackt, er hat seine Deutschkenntnisse zum Besten gegeben und ich saß wenig später für 5.000 in einem Taxi.

Mittlerweile hab ich gelernt, dass mensch nur an der richtigen Straßenecke warten muss, denn da halten dann auch die Taxifahrer, die sich das Auto vollladen und alle billig transportieren.

Muss mensch auch erst mal wissen.

Wie so vieles andere auch, Ghana ist ein Land für Menschen mit hellseherischen Begabungen oder Erfahrungen. Ersteres habe ich wenig, letzteres beginne ich erst zu Sammeln.

Beispielsweise beim Erwerb von Speisen auf der Strasse muss mensch ungefähr wissen, was das so kosten könnte. Mensch bestellt nämlich nicht etwa eine bestimmte Menge von etwas, sondern bestimmt den Preis. Also ich hätte jetzt gerne Bohnen und frittierte Kochbananen an einer Garküche an der Strasse. (kann ich übrigens empfehlen…) Das Ergebnis ist, dass erstmal alle Umstehenden zu kichern anfangen, weil die Verkäuferin natürlich kein Wort verstanden hat von meinem Englisch, sondern für gewöhnlich Bestellungen in Twi entgegennimmt, einer der Dutzenden von lokalen Landessprachen in Ghana (mehr zu Twi mal an anderer Stelle). Irgendjemand beginnt nun für mich zu übersetzen: „Wie viel willst du denn?“, „Ooooch“, sage ich, „also so eine Portion halt“, „Wie viel denn“, werde ich weitergefragt. „Wieviel ist denn eine normale Portion?“, „Ich weiss ja nicht, wie viel du isst“, „Welche Größen (also welche Preise) gibt es denn?“, „Alles, was du willst“, diese Unterhaltung könnte noch ewig so weitergehen, weil es einfach keine gemeinsame Kommunikationsbasis gibt. Schließlich habe ich mich darauf eingelassen, entweder immer genauso viel zu nehmen, wie meine Übersetzer, oder ich nehme die kleinstmögliche Portion, Ghanaer können nämlich Unmengen an Essen vertilgen, das glaubt mir niemand. Das Spielchen beginnt nun jedes Mal, wenn ich etwas Neues kaufe, von vorne, weil mir das Verständnis fehlt, wie viel das wohl in etwa kosten könnte und Preise auch extrem unterschiedlich sind. 5 kleine und herrlich schmeckende Bananen (keine so europäisch, genverändert, groß gezüchteten) kosten 1000, ein Apfel dagegen 2000, gekochte Erdnüsse sind für 300 (ne Handvoll) zu kriegen und so weiter. Mensch stelle sich mal vor, ich würde von Äpfelpreisen ausgehend Erdnüsse kaufen wollen und hinterher mit mehreren Kilo davon dastehen…

Essen ist überhaupt eine spannende Angelegenheit. Ich vermeide die europäischen Touri-Örtlichkeiten wo es geht (ja, es gibt davon im Zentrum von Kumasi, Adum genannt in der Tat einige, wenn auch nicht viele, da potenziert sich das Verhältnis der Weißen zu den Schwarzen auf einmal, und bezahlt wird zu Obroni-Preisen, versteht sich von selbst).

Vegetarische Ernährung ist schwierig und wenn ich Eier und Fisch vermeiden wollte, könnte ich nicht mehr so richtig viel Essen zu mir nehmen, von trockenem Brot und Früchten und Nüssen mal abgesehen. Aber Fisch ist hier reichhaltig und lecker zu kriegen, weshalb ich das meist bevorzuge, auch chinesisches Essen ist hier ganz gut zu haben, zumindest in Restaurants, aber die Garküchen auf der Strasse sind immer noch das schnellste, billigste und autentischste.

Platains (Kochbananen), Yam (eine Wurzel, Kartoffel-ähnlich im Geschmack), Kenkey (gesäuerte Maisbällchen) und nicht zuletzt das ghanaische Nationalgericht Fufu hab ich schon in diversen Variationen durchprobiert und war bisher immer gut beraten. Bisher macht auch meine Verdauung das alles mit, Leitungswasser eingeschlossen.

Fufu - eine Portion!

Fufu – eine Portion!

Fufu klingt nicht nur spannend, das ist es auch. Mensch stelle sich einen Kloß vor, etwa in der Konsistenz wie ein Kartoffelkloß oder festes Kartoffelpüree, aber zäher. Gemacht wird Fufu aus Maniokbrei, wer sich darunter keinen Geschmack vorstellen kann, macht nichts, konnte ich vorher auch nicht, der Eigengeschmack ist aber auch gar nicht so intensiv. Das wichtigste ist die Suppe, in der Fufu liegt. Sie ist scharf, heiß und fettig, oft mit gestampften Erdnüssen, oder auch klar, aber meist doch rot oder braun und trüb, ziemlich wahrscheinlich stundenlang mit irgendwelchem Getier gekocht. Dazu gibt es Fisch oder Fleisch jeglicher Art. Und gegessen wird das alles – mensch glaubt es kaum – mit der Hand.

Beim Fufu-Essen

Beim Fufu-Essen

Na, schon mal jemand Suppe mit den Fingern gegessen?!!? Aber ist alles halb so wild, selbst ich mache mich mittlerweile ganz ordentlich dabei, und als Obroni könnte mensch natürlich auch nen Löffel kriegen, aber eigentlich ist das originäre Fufu-Erlebnis handgegessen. Wenn danach nicht die Lippen prickeln vor Schärfe, wäre es für einen Ghanaer nicht gut (oder wie mein Reiseführer einwirft, höchstens für Alte, Kranke und Gebrechliche). An Fufu könnte ich mich echt gewöhnen.

An was ich mich eigentlich gar nicht gewöhnen möchte, aber wohl oder übel muss, ist das Geld hier. Cedis sind leider komplett wertlos. Früher war der Umtauschkurs wohl mal 1:1 mit dem englischen Pfund, aber das scheint Ewigkeiten her. Mittlerweile ist der Kurs bei 1:8.000 (bei US Dollar) und es ist nicht ratsam, viel auf einmal umzutauschen. Zum einen, weil der Cedi im Kurs beständig sinkt und das mitunter viel Geld ausmachen kann im Laufe von mehreren Monaten, zum anderen, weil mensch nur ungern mit Geldkoffern rumlaufen möchte. Der höchste, existierende Cedi-Schein ist die 5.000-Note. Egal welche Menge welcher westlichen Währung mensch umtauschen möchte, die Stapel werden immer mindestens zentimeter-hoch. Wenigstens gibt es nur sehr selten Probleme mit dem Wechselgeld und kürzlich kam im Radio die Meldung, dass die Bank of Ghana 10.000 und 20.000 Noten einführen wird, aber das wird sicherlich dauern, zumal sie davon gesprochen haben, dass das von einer langen Kampagne begleitet werden soll, in der die Menschen über das neue Geld und deren Gültigkeit informiert werden sollen. Ist bestimmt auch nötig wegen des Analphabetismus.


Weiterlesen bei Teil 2

 

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