Die lebenswerte Stadt

Diplomarbeit von Kerstin Sailer am Institut für Architektur- und Planungstheorie, Fachgebiet Architektursoziologie und Frauenforschung, betreut von Prof. Dr. Barbara Zibell und Dr. Silke Claus


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diplomDie Diplomarbeit basiert auf einer vorangegangenen theoretischen Studienarbeit zum Thema Sicherheit im öffentlichen Raum. Aus dieser Arbeit ergab sich die Erkenntnis, dass Sicherheit zum einen nur bedingt planbar ist und zum anderen dass der Versuch der Produktion von Sicherheit seine eigene paranoide Nachfrage nach mehr Sicherheit erzeugt. Daher sollten Aspekte von Sicherheit in einen größeren Kontext des Wohlfühlens in öffentlichen Räumen, des Eingeladen-Fühlens, der Aufenthaltsqualitäten und der Aneignungsmöglichkeiten gestellt werden.

Eine lebenswerte Stadt wurde postuliert als eine, die den Menschen Raum für Begegnungen bietet. Öffentlichkeit ist dafür unerlässlich, denn erst im Öffentlichen schuf sich der Mensch (Arendt).  Öffentliche Räume in der Stadt wurden nicht nur Orte des Aufenthalts und der Durchquerung begriffen, sondern als Bündelung komplexer Funktionen – als Spiegel der Gesellschaft, als Symbolisierung von Menschsein, als Bühne für menschliches Handeln, als Ermöglichung von Kommunikation und Ort der Begegnung mit dem Fremden. Der Beitrag von öffentlichen Räumen zu einer lebenswerten Stadt sollte begreifbar und bewertbar gemacht werden. Der demokratische Anspruch einer für alle nutzbaren und offen stehenden Stadt lag dem zugrunde. Der Fokus der Untersuchung richtete sich dabei auf den gewöhnlichen Alltag eines jeden Menschen in der Stadt. Eine Schlüsselfunktion spielte Aneignung im Sinne von sich zu eigen machen, in temporären Besitz nehmen, teilhaben und war als einender Oberbegriff zu verstehen.

Die vielfältigen, sich permanent vollziehenden Prozesse im öffentlichen Raum wurden dahingehend untersucht, wie sie die gleichberechtigte Nutzung von Raum zu steuern vermögen. Aspekte von Aus- und Abgrenzung (1), von Sicherheit (2) sowie von Aneignung und Identifikation (3) wurden fokussiert.

Ziel war es also an Hand des Beispiels zentraler öffentlicher Räume in Hannover theoretische Reflektionen in konzeptuelle Entwürfe zu überführen sowie durch empirische Untersuchungen die vorgefundenen öffentlichen Räume zu analysieren. Es sollten sowohl die vielfältigen gestalterischen Ausformungen öffentlicher Räume, als auch die stattfindenden Prozesse der menschlichen Bespielung und des menschlichen Verhaltens begriffen und in Übereinstimmung gebracht werden. Neun zusammenhängende Teilräume, die sich von der zentralen City bis hin in den Stadtteil List erstrecken wurden zur Analyse ausgewählt, unter anderem aufgrund ausgeprägter Brüche zwischen dem Stadtzentrum und den umgebenden Stadtteilen. Die Raumachse überwindet diese sozialräumliche Segregation und stellt zugleich eine der Hauptentwicklungsachsen der Stadt Hannover dar. Auf die ausgesuchten neun verschiedenen Teilräume wurden nun die thematischen Aspekte angewandt. Raumanalyse und Themenbefassung (mit Segregation, Sicherheit und Aneignung) konnten sich so verzahnen.

Zuletzt wurden in Form von Gesten und Denkanstößen Anregungen zu möglichen Umnutzungen oder Umgestaltungen einiger als defizitär erkannten öffentlichen Räume gegeben. So sollten am Ernst-August-Platz mobile Stühle für eine lebendigere Atmosphäre und mehr Kommunikation sorgen. Aus der Passerelle wurde eine Wellness- und Ruhe-Zone mit Sitzgelegenheiten und Liegelandschaft. Ein Raschplatzwald sorgte für Irritationen, aber auch für Überraschung und (Ent-)Spannung. Aus der Wüste des Andreas-Hermes-Platz wurde ein einladender Strand und der konfliktbeladene Weißekreuzplatz wurde durch einen kollektiven Planungs- und Integrationsprozess zum Paradiespark, der verspricht, was die Welt sein könnte. Es wurde letztlich deutlich, dass Attraktivität und Lebensqualität einer Stadt und ihrer öffentlichen Räume nicht nur von Ästhetik bestimmt wird, sondern vielmehr auch durch ihre Nutzbarkeit. Planung schafft und bestimmt Lebensräume und müsste daher mehr als bisher am menschlichen Verhalten ausgerichtet werden.


Basierend auf der Diplomarbeit wurde eine gleichnamige Ausstellung konzipiert. Die Ausstellung „Die Lebenswerte Stadt“ wurde vom 25. Februar 2004 bis zum 28. März 2004 in den Räumen der Bauverwaltung der Stadt Hannover einer breiten Öffentlichkeit aus Stadtplanung, Architektur, Politik, Justiz, Polizei, Gleichstellungsbeauftragten, Wissenschaft und Universität präsentiert. Zur Neueröffnung des Fachbereiches Architektur am 23. April 2004 wurde die Ausstellung im Rahmen der Präsentation  der besten Diplome des letzten Jahres erneut der Hannoveraner Öffentlichkeit gezeigt.

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