Moschee von Larabanga

„Und da warf der Prophet einen Speer…“ – Die Moschee von Larabanga in Ghana ist von Mythen umrankt

von Kerstin Sailer


veröffentlicht im Magazin Zenith – Zeitschrift für den Orient, Ausgabe 2/2003

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Moschee von Larabanga

Moschee von Larabanga

Hunderte von Internetseiten zeugen von Larabanga als Reiseziel, als Dorf mit Lehrermangel, als Stätte der ältesten Moschee Ghanas, als Sprungbrett in den nahen Nationalpark. Man könnte fast meinen, der kleine Ort Larabanga im Norden Ghanas existiere eher in Legenden sowie ‚Bits and Bytes‘ statt in Realität. Kaum ein Tourist dringt in die tatsächlichen Tiefen der Nordghanaischen Savanne vor und lässt alles hinter sich, was er schätzt und kennt – nicht nur heißes, fließendes Wasser sondern auch die europäische Exaktheit und Vernunft.

Das beschauliche Dörfchen mit seiner kleinen, aber eindrucksvollen Moschee ist von Mythen jeglicher Art zugewuchert. Harte Fakten über die Moschee, ihren Baustil und ihre Entstehung sucht man vergeblich. Gerade deshalb eröffnet der Versuch, Licht in dieses Gestrüpp zu bringen, spannende Perspektiven.

Der Islam wanderte im Gepäck der Händlerkarawanen der Berber und Araber seit dem achten Jahrhundert durch die Sahelzone nach Westafrika. So weit sind sich Mythos und Forschung noch einig, doch dann trennen sich die Wege. Glaubt man dem alten Imam, der abseits der Moschee auf einem Holzgestell thront und für ein kleines Entgelt die Geschichte des Bauwerks erzählt, hat sich Folgendes zugetragen: Die Vorfahren kamen vor 600 Jahren aus der Gegend von Womba im heutigen Nigeria und teilten sich in die drei Volksgruppen Dagbani, Wale und Mamprusi. Der Prophet selbst führte die Suche nach einem neuen Siedlungsraum an. Als er an einem mystischen Stein Rast machte, warf er dort in der Nacht nach seinen Gebeten einen Speer. Wo der Speer niederfiel, sollte eine Moschee errichtet und die neue Siedlung gegründet werden. Und so geschah es auch. Später, als im 20. Jahrhundert die Strasse nach Wa gebaut werden sollte, lag der mystische Stein der optimalen Route im Weg. Deshalb sei beschlossen worden, dass der Stein weichen muss, erzählt der Imam. Der Stein wurde weggeräumt, doch am nächsten Tag lag er wieder an derselben Stelle. Das geschah drei Nächte lang, bis der Willen des mystischen Steins, an seinem angestammten Ort zu liegen, respektiert wurde und man die Strasse in zwei Serpentinen den Hang hinunter und am Stein vorbei baute.

Wo afrikanische Bauweise und islamischer Einfluss verschmelzen

Skizze der Moschee von Larabanga

Skizze der Moschee von Larabanga

Wo die Mythen nicht mehr weiterhelfen, tritt die Bauforschung auf den Plan. Die westafrikanische Moschee bildet einen komplett eigenständigen Charakter aus, der mit den traditionellen Moscheen des arabischen oder nordafrikanischen Raumes nur wenig gemein hat. In der Architektur wird er als westsudanesischer Stil bezeichnet. Afrikanische Bauweise und islamischer Einfluss durchdringen sich – gerade in der Moschee – gegenseitig: ‚Die ihr zugrundeliegende Grammatik des Raumes erlaubt den Ausdruck von islamischem Ritus und Glauben, der architektonische Wortschatz dagegen, entwickelt von islamisierten Baumeistern, bleibt einheimischem Boden verhaftet‘, schreibt Labelle Prussin, international anerkannte Spezialistin für afrikanische Architekturgeschichte.

Konkret äußert sich dies in der deutlichen Übereinstimmung von Profan- und Sakralbauten. Ob Wohnhäuser oder die zentrale Moschee – Material und konstruktive Details bleiben die gleichen. Im Gegensatz zur typischen Moschee des Nahen und Mittleren Ostens ist kein Minarett als Rufturm ausgebildet, stattdessen zeichnet sich ein Turm ab, der sich über der Gebetsnische, dem mihrab erhebt. Zum Gebet gerufen wird meist vom Dach. Aufwändige Brunnenanlagen, die architektonische Antwort auf die islamischen Reinigungsvorschriften, gibt es nicht. Für die Waschungen müssen in Larabanga einfache Wasserkrüge reichen. Der obligatorische Innenhof befindet sich in der Regel gegenüber der qibla-Wand, die gen Mekka ausgerichtet ist, er ist aber nicht immer vorhanden. Anstelle von Steinen findet Lehm als ältester, zugleich vergänglichster Baustoff seine Anwendung – oft ungebrannt und sonnengetrocknet. Das erfordert ständige Instandhaltung und erschafft ‚Generationenkunstwerke‘ anstelle von ewigen Zeugen der Geschichte. Das so genannte Toron-Gehölz, aus den Eckpfeilern und Türmen ragend, dient vorrangig dekorativen, aber auch konstruktiven Zwecken. Sein Aussehen prägt den Eindruck der westsudanesischen Moschee.

Von den vier zu unterscheidenden Regionen des Westsudans als Stil fällt Larabanga in die Volta-Niger-Region, die den Westen Burkina Fasos sowie den Norden der Elfenbeinküste und Ghanas umfasst.

Der hier vorherrschende Bautypus formt einen kompakten Körper ohne Hof mit zwei Türmen aus: die Doppelturmmoschee. Alles, was in Lehrbüchern darüber zu finden ist, bestätigt sich in der Moschee von Larabanga: Trotz des Verfalls lassen sich zwei Türme erkennen. Der zuckerhutförmige Turm, der sich über dem mihrab in Richtung Mekka erhebt, steht gegenüber dem zweiten Turm, der in der Literatur als Treppenturm beschrieben wird und für Nicht-Muslime nicht zugänglich ist.

Die Regenwasserentsorgung vom Dach ist nicht geklärt. Es fehlen zwar Wasserspeier, aber auch der Nachweis der Ableitung durch ein innen liegendes Fallrohr, wie es in Djenne (Mali) der Fall ist und hier möglich wäre, müsste hier noch geführt werden. Gesichert dagegen ist die Erkenntnis des Dachaufbaus durch kräftiges Knüppelholz, das – wie regional üblich – durch frei stehende Gabelstützen getragen wird.

Termitenbauten als Vorbild

Klarheit gibt es hinsichtlich der Fassade. Sie ist sowohl vertikal stark gegliedert durch die aufstrebenden Eckpfeiler und die so genannten Lisenen – vor die Fassade gestellte Zierpfeiler ohne Tragwirkung – als auch deutlich horizontal strukturiert durch die beinahe als Sprossenwand ausgeführten Toronhölzer zwischen den Lisenen. Sie zeichnen die Dachkante nach und malen graphische Schattenmuster auf die weiß getünchte Außenhaut. Zu erkennen sind außerdem dreieckige Portalfelder über den Eingängen, die in ihrer Dekoration an ältere Moscheen vor allem in Südmali erinnern.

Lediglich die Bedeutung der konischen Form der Türme, Eckpfeiler und Lisenen bleibt im Dunkeln. Aber vielleicht kann ja hier auf die afrikanischen Legenden zurückgegriffen werden, nach denen die Menschen – angeregt durch Termitenbauten – ihre Höhlen verließen und sich Lehmhäuser als Schutz schufen. Die Form jener Bauelemente soll noch heute in Verehrung daran erinnern.

Mit dieser Erklärung kann zwar vielleicht der europäische Verstand nicht mithalten, aber manchmal macht das ja auch nichts.


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