Ghana Geschichten 3

„Die Wahrnehmung des Fremden – Eine Sammlung von Kuriositäten“

von Kerstin Sailer


27. Juli 2002

Ich weile nunmehr seit über einem Monat in Ghana und je länger ich hier bin, desto mehr verändert sich meine Sichtweise auf die Dinge. Ich beginne, die Lebensrealität um mich herum als Norm wahrzunehmen, als Maßstab für mein Denken und Handeln, als Messlatte dafür, was mich noch zum Staunen oder Schmunzeln bringt, was mich aufregt oder mich besonders freut; Gewöhnung stellt sich ein.
Da ist der Verkäufer am Zeitungsstand, der mich schon kennt und mir den ‚Daily Graphic‘ schon hinhält, bevor ich meinen Wunsch aussprechen kann. Da ist meine Lieblings-Garküchen-Mami, eine gemütliche und unglaublich dicke Frau, bei der ich meist mein Mittagessen kaufe und die kürzlich Eva, eine andere deutsche Praktikantin gefragt hat, wo ich denn wäre, als wir nacheinander Mittagspause gemacht haben.

Die alltäglichen Taxifahrten in die Stadt und zurück sind zur Routine geworden, da ist nichts Aufregendes oder gar Spannendes zu berichten, es ist einfach morgens hin und abends zurück – zumindest so lange es nicht zu regnen beginnt, dann ändern sich nämlich schlagartig die Spielregeln und vor allem die Taxifahrer drehen durch. Aber das ein ander Mal.

Die Aufregung Fufu oder Kenkey zu essen ist abgekühlt. Ich habe mich an die eiweißreiche, gemüsearme, fettige und höllisch scharfe Kost gewöhnt, die mit Unmengen an Reis oder sonstigen stärkehaltigen Beilagen (Yam, Fufu, Kenkey, Banku…) serviert wird.
Und selbst Twi beginne ich langsam in Brocken zu verstehen. Letztes Wochenende konnte ich schon fast eine kurze Unterhaltung bestreiten, als ich in einem Restaurant von einer Angestellten mit ‚akwaaba‘ begrüßt wurde (Willkommen), mich höflich bedankte (‚medasi‘), die Frage nach meinem Wohlbefinden (‚etesin?‘) mit einem souveränen ‚eye‘ (gut) beantwortete. Den folgenden Redeschwall in Twi konnte ich leider nur mit einem etwas hilflosen ‚min twu asi‘ (‚ich verstehe es nicht‘) parieren, aber immerhin. Ghanaische Freunde erklärten mir hinterher, dass ich diese Frau sehr beeindruckt haben muss und sie meinte, ich wäre keine Obroni, weil ich schließlich ihre Sprache spräche. Na, wenn das keine Auszeichnung ist…!

Zunehmend stehe ich Ghana nicht mehr distanziert, analysierend, beobachtend, mit Stirnrunzeln und überraschtem Gesichtsausdruck gegenüber. Stattdessen tauche ich langsam gleitend in diese Kultur, diese Lebensweise ein. Ich nehme Dinge gleichgültig oder als normal hin, die in meinen ersten Tagen hier größte Verwunderung ausgelöst hätten, ich merke, dass ich selbst Teil des Alltags hier geworden bin.

Ich ringe um meine Wahrnehmung und Interpretation der Dinge. Mein analytischer und rationaler Verstand lässt sich von der Wirklichkeit hier ein wenig einlullen und meine kleine Welt mischt sich zu einem zähen, undurchsichtigen Brei aus ghanaischer Lebensrealität und deutscher Perspektive, die ich manchmal nicht mehr richtig scharf voneinander trennen kann.
Wie anders aber doch Ghana für westliche Augen und westlichen geprägten Verstand ist, fällt mir schlagartig dann wieder auf, wenn ich Nachrichten aus Deutschland höre, sei es über die Medien oder in privater Korrespondenz mit Freunden und Freundinnen. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich kann erkennen, wo ich bin und wer ich bin: eine Deutsche in Ghana, eine Europäerin in Afrika, eine Gemässigtes-Klima-Gewohnte in den Tropen, eine Studentin in einem Austauschprogramm.

Wie anders, wie fremdartig, wie absonderlich und wie kurios Ghana eigentlich sein kann (und oft auch ist…), wenn es durch Obroni-Augen gesehen wird, veranschaulicht meine kleine Sammlung von Kuriositäten.

Die Verwendung von Seife und Spülmittel

Sowohl benutztes Geschirr, als auch dreckige Wäsche wird in Ghana mit Seife gewaschen, Kernseife oder auf ghanaisch ‚key soap‘ (eine bekannte und beliebte Marke). In meinem Büro liegt also stets ein Stück Seife zum Abspülen von Tellern und Tassen bereit. Spülmaschinen und selbst Waschmaschinen sind hier weitgehend unüblich.
Üblich dagegen ist es, sich im Restaurant nach dem Essen mit den Fingern die Hände zu waschen, eine Schüssel mit frischem Wasser ist griffbereit und – man möchte es kaum glauben – Spülmittel. Nicht etwa für die Teller, sondern zum Händewaschen, obwohl eindeutig auf der Packung in englischer Beschriftung die Anzahl der Teller angepriesen wird, die man damit säubern könnte, nicht etwa die Anzahl von suppenbefleckten Händen.

Verpackungen von Essen

Auf der Strasse gekauftes Essen wird meist in irgendeiner Form verpackt, man kann ja Erdnüsse oder Fisch und Reis oder Kenkey und Soße schlecht mit bloßen Händen mitnehmen. Verpackungen in Ghana sind sehr kreativ, interessant und manchmal auch ungläubiges-Kopfschütteln-hervorrufend.
Nicht einmal Wasser wird wie im Rest der Welt verkauft, nämlich in Flaschen, sondern in Plastikbeuteln zu 500 ml. Also man kann schon Wasserflaschen kaufen in den Supermärkten und Kiosken, aber zu Obroni-Preisen. Die Wasserbeutel dagegen gibt es entweder gefiltert und professionell eingeschweißt für 200 Cedis (umgerechnet zweieinhalb Cent, also beinahe geschenkt), oder in dünneren Folien selbst abgefülltes Leitungswasser für nur 100 Cedis. Die Flaschen kosten für dieselbe Menge ein Vielfaches.
Zur Folge hat das zunächst, dass man ständig an irgendwelchen Plastikbeuteln lutscht und versucht ihnen ihren Inhalt zu entlocken, ohne alles zu verschütten und sich selbst von oben bis unten nass zu machen. Zum anderen sieht man überall in ganz Ghana leere, ausgelutschte Plastikbeutel rumliegen. In Kumasi hat deshalb die ‚Ice-Water-Sellers-Association‘ der Stadt fast 100 knallrote Holzmülleimer geschenkt mit der Aufschrift ‚donated by icewater-sellers‘, die nun den erzeugten Müll wieder einsammeln sollen, mit mäßigem Erfolg, aber immerhin schon mal ein Versuch des Umweltschutzes in einem Land, in dem man auch Batterien einfach so in die Landschaft wirft.
Erdnüsse werden meist in kleine Papierfetzen gehüllt verkauft, weil man ohnehin immer nur kleine Mengen der frisch gekochten Nüsse kauft, mehr wäre aus Transportgründen auch nicht drin (außer man hat immer Plastiktüten zur Hand…). Meine Lieblingserdnuss-Verpackung hab ich aufgehoben, ein DIN A5 großer linierter Zettel, aus einem Schulheft ausgerissen. Auf der Vorderseite ist er beschriftet mit mathematischen Berechnungen, Q=av=b/v und dQ/dV=a-b/v*v und so weiter. Die Rückseite trägt ein handschriftliches Liebesgedicht mit mehrfachen Korrekturen und durchgestrichenen Passagen, im Wortlaut wie folgt:

Phenomenally Irrisistible
If it’s diamonds you want, I’ll drag into a mine and search until I find.
If it’s furs you need to keep you warm, I’ll wrestle a bear, to keep you loving.
There’s healing in your lips and I want a taste of it.
How can I fill this empty space;
When can I find the strength each day I need to carry on;
Tell me when I can smile again like the first time we met.
Will I ever make it through
I keep on asking God to make it right
Your name keeps ringing at night and it echoes of the wall
I want you so bad, Adah
The time is now
Cuz I keep missing the taste of your tongue and chocolate lips
My heart desperately in search of love and I thank my stars for your visit
It hurt me that day as I said goodbye to you
Nobody knows how much I love you
Only God can find that out.

Eine schnöde Erdnussverpackung, so banal und doch so schön gleichzeitig. Gegrillte Plantains (Kochbananen) oder Kokosnuss wird in Zeitungspapierfetzen gehüllt, obwohl man den verpackten Inhalt ja direkt isst, ob Druckerschwärze wohl ungesund ist?!?
Warmes Essen aus der Garküche kann man auch mitnehmen, mit Ausnahme von Fufu oder Banku, das wäre mit der Suppe schon etwas arg kompliziert. Über einen Plastikteller wird eine dünne Cellophanfolie gespannt, das gewünschte Essen wird darauf gehäuft, danach werden die Ecken der Folie zusammengeführt und verzwirbelt. Dann wird das Ganze in Zeitungspapier gewickelt und in einer dünnen Plastiktüte mitgegeben. Noch absurder wird das bei Kenkey, da werden die Maisbällchen in ne Tüte gepackt, die Soße in ne extra kleine Tüte gelöffelt und zugeknotet und gemeinsam mit dem Fisch in noch ne Plastiktüte gepackt. Meine Lieblings-Garküchen-Mami hat immer holländische Zeitungen, um der Kuriosität die Krone aufzusetzen. Gelesene Zeitungen sind hier echt was wert, eben als Verpackungsmaterial und scheinbar importiert Ghana tatsächlich Altpapier aus Europa, weil hier nicht genug davon anfällt.

Schülerinnenfrisuren

Schulkinder erkennt man in Ghana schnell an der Schuluniform, meist orange und braun, manchmal auch rosa. Schülerinnen erkennt man aber auch am Wochenende, wenn sie keine Uniform tragen an ihren Frisuren. Es ist nämlich nicht erlaubt als Schülerin lange Haare zu tragen, weswegen alle Schülerinnen, oft schon ab der Junior Secondary School (Grundschule) millimeterkurze Frisuren spazieren tragen, welch ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht! Wettgemacht (und aufgeholt) wird das dann wohl im späteren Leben der Frauen, wenn sie in zeitaufwendigen und kompliziertesten Frisuren wetteifern

Anrede

Wenn Ghanaer jemanden auf der Strasse nach etwas fragen, beispielsweise dem Weg oder der Uhrzeit, dann entschuldigt man sich nicht, wie im Deutschen oder Englischen, sondern spricht die Person respektvoll mit ‚massa‘ an. Das mutet ganz schön seltsam an und klingt in westlichen Ohren merkwürdig nach dem Zeitalter der Kolonisation, ist hier aber ganz normal und nicht mal besonders unterwürfig. Ich zucke jedes Mal innerlich ein wenig zusammen, wenn ich die Anrede ‚massa‘ höre.

Fernsehen

Fernsehen in Ghana macht wirklich Spaß, zumindest wenn man es nicht allzu oft und allzu lange muss. In allen ghanaischen Haushalten, die ich bisher kennen lernen konnte, läuft die Kiste allerdings den ganzen, lieben langen Tag, das nervt dann schon, so wie jeder Fernsehsender irgendwann Nerven tötet. Spielfilme kommen oft aus Nigeria und sind klischeehaft bis zum Abwinken, für sehr einfache Gemüter gemacht. Die Bösen sind übrigens auch immer die Nigerianer in Ghana, da kann man fragen, wen man will. Eine der beliebtesten Soaps konnte ich schon mal sehen – Passions, eine US-amerikanische Produktion, wenn mich nicht alles täuscht, aber perfekt auf den ghanaischen Markt abgestimmt. Also die SchauspielerInnen sehen genauso aus wie in ‚Verbotene Liebe‘ oder ‚Marienhof‘ oder so, aber es geht natürlich nicht um Schwule oder ständig wechselnde Beziehungen und Fremdgehen oder Ähnliches (man möge mir die mangelnde Kenntnis der deutschen Soaps verzeihen…), sondern darum, dass der Zukünftige eine nun doch nicht heiraten will, schluchz!! Ganz besonders witzig ist auch die Werbung. Man merkt sofort, für welchen Markt sie produziert wurde. Geworben wird hauptsächlich für Seife, Erfrischungsgetränke oder Medikamente (in erster Linie Malaria-Tabletten und Insektenvertreibungsmittel). Während beispielsweise Schweppes und Guiness sehr professionell, international inspiriert und metropolitan wirken und mit allem Werbemitteln um Kunden kämpfen und während die Seifenwerbungen genauso klischeehaft und schrecklich sind wie in Deutschland (fröhliche, verschmutzte Kinder in weißen Wäschebergen, mit viel Sonne und Landschaft und glücklichen Eltern…), sind die Werbungen für Medikamente unglaublich banal und profan. Sie zeigen, wie es Menschen fürchterlich schlecht geht (die fallen dann meist um…), dann werden Tabletten genommen in aller Deutlichkeit der Dosierung und Art der Anwendung (‚on the first day of Malaria, take the yellow pill, on the second day of Malaria take another pill, on the third day of Malaria take the pink pill‘ im Rhythmus eines einfachen Kinderliedes gesungen) und dann sieht man erleichterte, gesunde, glückliche Menschen. In Ghana mit beinahe 50 % Analphabeten (wie ich letztens in der Zeitung gelesen habe) ist das wohl auch absolut notwendig die Dosierungen von Medikamenten so zu zeigen, auch wenn es komisch anmutet.

Japanischer Mittelklassewagen

Wie viele Menschen in ein ghanaisches Taxi passen, konnte ich kürzlich am eigenen Leib ausprobieren. Wir waren mit einer kleinen Gruppe von 6 Menschen auf dem Rückweg von einem Nationalpark und es war weit und breit kein Gefährt in Sicht. Wir begannen also durch den ghanaischen Busch zu laufen, über staubig rote, erdige Buckelpisten, langsam etwas nervös angesichts der nahenden Dämmerung und der Entfernung von rund 20 Kilometern bis zum Zielort. Nach über einer Stunde Fußmarsch kam ein Taxi des Weges, besetzt mit 3 Passagieren und dem Fahrer. Aus lauter Verzweiflung haben wir uns dazugequetscht, mit 10 Leuten in einem Mittelklassewagen japanischen Fabrikats: der Fahrer, auf dem Beifahrersitz drei und hinten 6, jeweils 3 in zwei Schichten. Irgendwie haben wir dann auch die etwa 4 Kilometer bis ins nächste Dorf hinter uns gebracht, wo uns schließlich ein Tro-Tro (Sammeltaxi) auflas.

Gemütlich – ghanaisch – gedulderfordernd – geht alles!!!


Weiterlesen bei Teil 4 

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